Naikan/KalaiDo Brief

„Die schlechte Nachricht ist, dass du durch die Luft fällst, nichts zum Festhalten, kein Fallschirm. Die gute Nachricht ist, dass es keinen Boden gibt.“

Kommentar zum Zitat

„Was für eine stärkende Aussage.“ schrieb eine Teilnehmerin als Reaktion auf das Zitat von Chögyam Trungpa Rinpoche – vermutlich nicht ganz ohne Ironie.

Und tatsächlich: Auf den ersten Blick wirkt die Aussage alles andere als tröstlich.

Kein Halt. Kein Fallschirm. Kein Boden. Was soll daran stärkend sein?

Vielleicht berührt es etwas, das wir alle kennen und doch nicht wirklich wahrhaben wollen: In diesem Leben gibt es letztlich nichts, was wir dauerhaft festhalten können. Nicht unsere Gesundheit. Nicht unsere Beziehungen. Nicht unsere Vorstellungen. Nicht einmal das Bild, das wir von uns selbst haben. 😊

Alles verändert sich. Alles entsteht und vergeht.

Genau darauf hat der Buddha immer wieder hingewiesen: Vergänglichkeit ist kein Fehler des Lebens, sondern seine Natur. Anicca, Dukkha, Anatta.

Und doch verbringen wir oft einen großen Teil unserer Kraft damit, gegen diese Wahrheit anzukämpfen. Wir versuchen festzuhalten, was sich verändern will. Wir suchen Sicherheit dort, wo es keine dauerhafte Sicherheit geben kann.

Trungpas Bild erscheint mir deshalb so ehrlich.

Ja, wir fallen.

Aber vielleicht leiden wir weniger am Fallen selbst als an dem verzweifelten Versuch, irgendwo Halt zu finden.

Die eigentliche Pointe des Zitats liegt für mich im zweiten Satz:

„Die gute Nachricht ist, dass es keinen Boden gibt.“

Wir können nirgends aufschlagen. Wenn es nichts gibt, woran wir uns endgültig festhalten können, dann gibt es vielleicht auch nichts, was wir endgültig verlieren können.

Hier berührt das Zitat etwas, das im Hannya Shingyo, dem Herzsutra, in wenigen Worten ausgedrückt wird:

Form ist Leerheit. Leerheit ist Form.

Leerheit bedeutet dabei nicht Nichts. Sie bedeutet Offenheit. Grenzenlosigkeit. Die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden, voneinander abhängig und ständig in Bewegung ist.

In dieser Sichtweise verliert die Vergänglichkeit etwas von ihrem bedrohlichen Charakter.

Die Leere ist nicht leer von Leben. Sie ist leer von Bestand – und gerade deshalb voller Möglichkeiten. Wie ein offener Raum, der leer erscheint und doch alles aufnehmen kann.

In dieser Leere liegt eine erstaunliche Fülle:

Nichts muss festgehalten werden, weil alles bereits da ist.

Nichts muss verteidigt werden, weil nichts wirklich getrennt existiert.

Nichts muss erreicht werden, weil das Leben sich in jedem Augenblick neu entfaltet.

Eine gute Zen-Freundin hat das einmal sehr schön ausgedrückt:

„Darin liegt eine große Gnade.“

Vielleicht ist genau das die stärkende Botschaft dieses Zitats:

Eine Einladung, dem Leben zu vertrauen – auch dort, wo wir keinen festen Boden unter den Füßen spüren.

Zu entdecken, dass mitten in der Unsicherheit eine unerwartete Weite liegt.

Und dass aus dieser Weite Kraft, Zuversicht und Gleichmut entstehen können.

Vielleicht ist die gute Nachricht tatsächlich, zu erkennen, dass wir die ganze Zeit schon getragen werden.

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