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06.02.2012 - Naikan - Versöhnung mit dem Leben; Martin Petelkau


Naikan - Versöhnung mit dem Leben
Autor: Dipl.-Psych. Martin Petelkau, Sozialtherapeutische Abteilung JVA Lingen
Bericht in: Kriminalpädagogische Praxis, Heft 47, 39. Jg. ISSN 0721-1279
Martin Petelkau
Naikan - Versöhnung mit dem Leben

Zusammenfassung
Naikan ist eine Methode aus Japan, die dem Praktizierenden tiefere Einsichten in seine Beziehungen zu anderen Menschen und damit sein Leben insgesamt ermöglichen möchte. Das soll Ausgeglichenheit, mehr Respekt gegenüber sich selbst und anderen und im forensischen Kontext eine geringere Rückfälligkeit bewirken. Die Methode und mögliche Wirkfaktoren werden erklärt und in Beziehung zu psychotherapeutischen Methoden gesetzt. Für eine erfolgreiche Gestaltung von Naikan-Kursen wichtige Aspekte werden auf dem Hintergrund zehnjähriger Erfahrung mit der Methode bei männlichen Inhaftierten diskutiert. Naikan ist eine Selbsterfahrungsmethode, von der die meisten Teilnehmer für sich profitieren, doch keine Psychotherapie. Mittlerweile wird die Methode in Niedersachsen validiert, noch ist die Stichprobe aber zu klein um valide Aussagen über eine rückfallreduzierende Wirkung treffen zu können.
Abstract
Naikan is a japanese way to gain insight about how we relate to others in our life. It shall result in more mental balance and respect towards oneself and others and, in the forensic context, lower relapse rates among participants. The method and its possible functioning are explained and put in relation to psychotherapeutic methods. Sensitive aspects for successful Naikan-seminars are discussed, based on ten year experience with the method in use for male prison-inmates. Naikan is a non-psychotherapeutic method of self-experience most participants take benefit from. Validation has started in the Niedersachsen Prison Service, but samples are still too small yet to get clearly validated results about any relapse-related effect.
Einleitung
Naikan, zu deutsch „Innenschau“, wurde seit den 1930er Jahren vom Japaner Ishin Yoshimoto entwickelt. Die Idee entstand als er für sich selbst nach einer Selbsthilfemethode suchte und experimentierte. Es ist eine einwöchige angeleitete Selbsterfahrung, in deren Zentrum das Erinnern bestimmter real erlebter Lebenssituationen steht. Der Teilnehmer betrachtet sein Leben fiktiv aus der Sicht anderer, für ihn zentraler Menschen, um seine persönliche Wahrnehmung um die Perspektive dieser anderen ergänzen zu können. Der so erweiterte Blick auf das eigene Leben soll helfen, eine Versöhnung mit der eigenen Biografie zu finden und selbstverantwortlicher zu werden- unabhängig von weltanschaulichen oder religiösen Einstellungen.

Im Rahmen von Resozialisierungsmaßnahmen wie auch als freie Bürger mit dem Ziel, im eigenen Leben „aufzuräumen" und sich von unnötigem seelischem Ballast zu befreien, haben mittlerweile auch in Europa viele Menschen an Naikan teilgenommen. Dieser Text beschreibt die traditionelle Anwendungsform des Naikan nach Yoshimoto, wie sie im Naikanzentrum in Tarmstedt gelehrt und im niedersächsischen Justizvollzug angewendet wird. Er bezieht neuere Erfahrungen ein als die erste Veröffentlichung des Autors (Petelkau & Schmidt 2005) und konzentriert sich im Gegensatz zu vielen anderen Texten (etwa Müller-Ebeling & Steinke 2003, 2004) stärker auf die Perspektive der Seminarorganisation und —Leitung.
Alles dreht sich um drei Fragen
1. Was hat ein Mensch für mich getan?
2. Was habe ich für ihn getan?
3. Welche Schwierigkeiten habe ich ihm bereitet?
Im Naikan bearbeitet der Teilnehmer die Fragen jeweils bezogen auf einen wichtigen Menschen aus seinem Leben sowie einen festgelegten Zeitabschnitt. Als erstes „prüft“ sich jeder Teilnehmer gegenüber seiner Mutter bzw. der für ihn damals wichtigsten Bezugsperson im Alter von null bis sechs Jahren. Dieses gezielte Erinnern erfolgt in Stille am zugewiesenen Platz. Nach einer Zeit, meist etwa 90 Minuten, erfragt der Begleiter im Gespräch einige gefundene Erinnerungen zu jeder Frage und gibt den nächsten zu prüfenden Zeitraum an, hier gegenüber der Mutter im Alter bis zehn Jahren. Ist gegenüber der Mutter bis zum heutigen Tag oder dem letzten Kontakt geprüft, wiederholt sich dieser Ablauf gegenüber jedem wichtigen Menschen aus seinem Leben. Der Leiter gibt die wichtigen zu prüfenden Personen vor: Mutter oder Person, die Mutterrolle inne hatte, Vater oder Person, die Vaterrolle innehatte, Großeltern, Tante/Onkel, Geschwister.

Die potentielle vierte Frage wäre: Welche Schwierigkeiten hat ein Mensch mir bereitet? und beschäftigt sich damit, woran aus der Sicht des Teilnehmers andere Menschen die Verantwortung tragen. Sie wird im Naikan für die Dauer dieser Woche gezielt vermieden, da sie aus Sicht des Begründers die innere Welt des Teilnehmers einschränken und seine Entwicklung hemmen würde. Typische Antworten wären hier etwa „meine Mutter hat mich nicht getröstet…" oder „mein Stiefvater hat mich oft geschlagen, sonst wäre ich jetzt…“. Der Kontakt zu real erlebten Ressourcen dagegen („sie hat mir jeden Tag zwei Mahlzeiten bereitet", „er hat einmal meine Mathe-Hausaufgaben korrigiert") und Selbstverantwortlichkeit („ich habe ihm ein Bild gemalt", „ich habe ihr da verschwiegen, was los ist") fördere ein ausgeglichenes Selbstbild und die bewusste Verbindung eines Menschen mit seinen Mitmenschen. Im Einzelgespräch mit dem Teilnehmer achtet der Begleiter deshalb darauf, dass dieser sich die vierte Frage nicht stellt. Am Ende desmeist nur einige Minuten langenGesprächs leitet er auf den nächsten anstehenden Lebensabschnitt oder Menschen über, damit der Teilnehmer in der Zeit bis zum nächsten Gespräch weder in gerade bearbeiteten Themen „stecken bleibt“, noch abschweift oder pausiert.
Eine Woche Naikan: Viele Verbote damit die innere Freiheit wächst
Ein komplettes Naikan dauert sieben Tage- beziehungsweise sieben Nächte. Eigene Erfahrungen des Autors bestätigen Yoshimotos Ansicht, sieben Nächte seien nötig, damit der Teilnehmer das tagsüber Erlebte ausreichend im Schlaf verarbeiten, sich mit dem Leben versöhnen und gefestigt fühlen kann. In der Regel beginnt Naikan an einem Abend und endet nach sieben Nächten am Morgen des achten Tages. Jeden Morgen geht es aus dem Einzel-Schlafraum direkt in den Naikan-Raum, wo sich jeder Teilnehmer bis zum ersten Gespräch an den "Arbeits"- oder Meditationsplatz hinter seinem Paravent zurückzieht. Alle Teilnehmer verbringen zwar den gesamten Tag im Seminarraum, vor visueller Ablenkung durch ihre Paravents geschützt, dürfen aber weder sprechen noch andere vermeidbare Geräusche machen. Das gelingt umso besser und selbstverständlicher, je weiter ein Teilnehmer sich auf das Naikan einlässt. Jeder Teilnehmer praktiziert also die ganze Woche über für sich allein, nimmt die Mahlzeiten an seinem Naikan-Platz ein und geht abends zum Schlafen unmittelbar vom Naikanraum in seinen Einzel-Schlafraum. Naikan ist ein Schweigeseminar. Ein älterer Bediensteter erklärte das den Inhaftierten einmal so: „Naikan ist wie Exerzitien auf japanisch“. So konnten sie gleich den zentralen Stellenwert des Schweigens und nach innen-Schauens im Naikan erfassen, hier natürlichweltanschaulich unabhängig eingesetzt.

Während der gesamten Woche sind die Begleiter die einzigen erlaubten Ansprechpartner. Das ist so wichtig, weil jede Kontaktaufnahme zu anderen Menschen, aber auch jede andere Orientierung nach außen das Entstehen oder Aufrechterhalten des beabsichtigten „Flusses innerer Bilder“ erschwert und damit die Innenschau stört. Demgemäß sind Medien (Bücher, Musik etc.) und nicht für Naikan nötige Tätigkeiten (Spaziergänge, Sport, Arbeit, Besuch etc.) die ganze Woche über nicht erlaubt, auch wenn sie sonst im Alltag zur Entspannung oder beim Stressabbau helfen könnten. In Haft sollten die Teilnehmer, wenn möglich, auch auf die (beaufsichtigte Einzel-) Freistunde verzichten. Erlaubt ist lediglich, was die innere Vertiefung der konkreten Fragen nicht behindert- alte Bilder oder Briefe von der Familie, Selbsterfahrungsberichte über Naikan, ebenso Tabak oder eine Kaffeemaschine im ansonsten kargen Einzelraum, in dem der Teilnehmer die Nacht verbringt.
Von ca. 6 Uhr morgens bis 21 Uhr abends halten sich alle Teilnehmer hinter ihrem Paravent auf, in beliebiger Sitz- oder Liegeposition, und denken über die Fragen gemäß ihres jeweiligen Auftrages nach. Sie werden nur durch die regelmäßigen Gespräche mit dem Naikan-Leiter in ihrer Meditation unterbrochen. Die Gesprächszeiten bestimmen den Tagesrhythmus und durchziehen unbeirrt jeden Naikan-Tag vom Aufstehen bis zum Gongschlag zur Nacht, selbst Essenszeiten und persönliche Duschzeit (eine festgelegte halbe Stunde Zeit zur Nutzung von Dusche/ Bad täglich) sind ihnen angepasst. Nach etwa fünfzehn Stunden am Naikan-Platz geht es abends wieder in die funktional-einfach eingerichteten Einzel-Schlaf­räume, natürlich schweigend und mit der Aufgabe, auch hier nichts zu tun, was von Naikan ablenken könnte.

Potenzielle Teilnehmer außerhalb des Justizvollzugs, die einen Teil ihres Jahresurlaubs und ihres privaten Geldes einsetzen um an Naikan teilzunehmen, können sich rechtzeitig über diese Bedingungen informieren. Verspricht der Verzicht auf persönliche Freiheiten „draußen“ vielleicht eine ungewöhnliche und möglicherweise bereichernde Erfahrung, bedeutet er innerhalb des Justizvollzugs für viele Inhaftierte auf den ersten Blick erst einmal eine „Haft in der Haft“ mit noch größerer Einschränkung persönlicher Freiheiten und Möglichkeiten als in ihrem Haftalltag.

Das regelmäßige Gespräch mit dem Begleiter findet im Gruppenraum am Paravent des Teilnehmers statt (der Begleiter zieht ihn dafür ein Stück auf) oder in einem separaten Raum. Im ersten Fall erhalten andere Teilnehmer aus den leisen Gesprächen des Teilnehmers mit dem Naikan-Leiter Anregungen für ihr eigenes Naikan, fühlen mit, könnten aber auch kritische Inhalte erfahren; im zweiten Fall wird dies vermieden, doch sind für Begleiter wie Teilnehmer wesentlich mehr Gänge nötig, auch durch den Gruppenraum. Gerade unter Strafvollzugsbedingungen bietet sich jedoch eine räumliche Trennung für die Gespräche an und motiviert die Teilnehmer zu mehr Offenheit. Was die Fragestellung angeht, beinhaltet der Naikan-Ablauf an einigen Stellen festgelegte Änderungen. So wird die dritte Frage konkretisiert zur Aufgabe, alles zu erinnern wo der Teilnehmer in seinem Leben „gelogen, Notlügen verwendet oder gestohlen" hat. Hierzu zählt auch immaterielles Stehlen, etwa die Aufmerksamkeit anderer.

Anfangs geht es im Naikan darum, Körper und Psyche auf den Tages- und Denk-Rhythmus einzustellen, dann tiefer in den Prozess einzusteigen, sich gegebenenfalls sogar gegenüber einer persönlichen „Tabu-Beziehung" zu prüfen („ich prüfe jeden, aber nicht meinen Opa!"). Wenn möglich geworden ist, sich vom Leben reich beschenkt zu fühlen, auch zum Beispiel das Bewusst-Werden eigener Verantwortlichkeit für bisherige Lebensumstände als Geschenk für sich zu sehen, wird langsam wieder in die Gegenwart zurückgeführt. Nach dieser Woche intensiver Erfahrungen in Auseinandersetzung mit den geprüften Personen und Zeitabschnitten dauert es etwas, wieder ganz im Alltag „anzukommen“: Sich nach einer Naikan-Woche noch ein bis zwei Tage freizuhalten ermöglicht, eine entstandene spürbare positive Fokussierung bewusster in das Alltagsleben zu integrieren.

Die typischen Effekte Dankbarkeit und Verantwortungsübernahme im Verhalten sowie eine „Versöhnung mit dem Leben“ im Erleben zeigen sich nicht bei allen Teilnehmern unmittelbar nach dem Seminar und gleich deutlich. Einige Erfahrungen brauchen vielleicht Zeit bevor sie integriert sind und bestimmte Umstände um deutlich zum Tragen zu kommen. Innere Veränderungen sind auf Verhaltensebene vor allem dann schon kurz nach dem Seminar sichtbar, wenn sie für den Teilnehmer im Umgang mit den aktuellen Menschen und Situationen eine Rolle spielen. Manche Teilnehmer nehmen ihre Verantwortung für den Umgang mit jedem Menschen der ihnen begegnet ernster, andere passen zumindest äußerlich weiterhin ihr Verhalten in sozialen Situationen der individuellen Bedeutung des Gegenübers für sie an und brauchen Hilfe dabei, die im Naikan gemachten Erfahrungen auf dort nicht „geprüfte“ Menschen zu übertragen - z.B. durch Kurz-Naikan, das später im Text beschrieben wird. Die Naikan-Erfahrung bleibt aber „gespeichert“ und ist auch noch viel später abrufbar durch erneutes Üben, Erinnern und wenn vorhanden anhand von im Naikan selbst angefertigten Notizen.

Was von Außenstehenden regelmäßig unterschätzt wird sind der Organisationsaufwand vor dem Seminar und die zeitliche Eingebundenheit der Begleiter während der fünfzehn Stunden Naikan täglich. Es ist also dringend zu empfehlen, im Team zu arbeiten und zu begleiten. Alle Abläufe sollten genau durchgeplant und rechtzeitig mit allen Beteiligten durchgesprochen werden (Kammer, Nachtdienst, Küche, Einkauf, Gesundheitsdienst etc.), damit während des Seminars keine Unruhe entsteht und die zum Teil eng geplanten Zeiten für Gespräche und Mahlzeiten eingehalten werden können. Die Teilnehmer sollen möglichst in ihrer Rolle bleiben können und nichts erfragen müssen wie zum Beispiel „wo finde ich Toilettenpapier" oder „die Soße ist nicht gesalzen - haben Sie Gewürze?".

Im Gruppenraum wie auch im Umfeld um die Naikan-Räumlichkeiten hat das Einhalten von Ruhe eine ausgesprochen hohe Priorität, damit sich die Teilnehmer ungestört in die unterschiedlichen Phasen ihres Lebens einfühlen können. Die inhaltliche Planung für die Teilnehmer wird täglich ihren Möglichkeiten angepasst, denn trotz zum Teil sehr unterschiedlich langer Biografien, einer unterschiedlichen Bandbreite an Bezugspersonen und Kontakt-Dauer zu ihnen sollen alle Teilnehmer nach sieben Nächten wieder sicher „landen“. Daneben ist immer wieder etwas spontan zu organisieren, etwas bezüglich des Essens oder anderer Dinge. Zwischen den Gesprächen und Versorgungsaufgaben bleibt dann oft doch nur wenig Zeit für den Begleiter, um die Ruhe und Konzentration aufzufrischen, die er ausstrahlen sollte.

Ungewohnte Rollenverteilung auf beiden
Seiten
Die Aufgabe des Begleiters ist keine geringere als dem Übenden organisatorisch einen optimalen, störungsfreien Rahmen für seinen persönlichen Lernprozess zu gewährleisten und ihn mit minimalem Einsatz von Gesten und Worten so klar wie behutsam durch alle Höhen und Tiefen der Naikanwoche zu führen. Das richtige Maß und Timing der minimalen Interventionen zu finden erfordert Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Disziplin. Beim Begleiten der Teilnehmer gilt es, die Rolle des Bediensteten oder Therapeuten und sich als Person überhaupt in den Hintergrund zu stellen, sich in Interaktion und Blickkontakt extrem zurückzunehmen. Gleichzeitig ist jeder Kontakt für den Teilnehmer klar zu strukturieren, in schwierigen Phasen muss er darüber hinaus stützend und bestimmend genug motiviert werden durchzuhalten.

Eine ideale innere Voraussetzung für erfolgreiches Begleiten besteht in der Haltung oder Einstellung, die sich ausdrückt in Achtung vor dem Mut des Teilnehmers, sich im Naikan zu prüfen, sowie in Dankbarkeit, ihn dabei begleiten zu dürfen. Yoshimoto drückte dies körperlich durch Verneigen vor dem Teilnehmer aus. Das Verneigen vor und nach dem Gespräch kann auch die Psychohygiene verbessern, verdeutlicht es doch etwa „was Du ausgesprochen hast ist Dein Thema, nicht meins“. Für manche Mitarbeiter des Justizvollzugs kann das Verneigen vor einem Inhaftierten Schwierigkeiten mit ihrer gewohnten Berufsrolle ergeben. Eigene Selbsterfahrung mit Naikan kann dann helfen, sich dessen tieferen Sinn zu erschließen und im zweiten Schritt zu akzeptieren, nicht nur welche Anforderung sondern auch welches Geschenk es ist, andere Menschen durch ihr Naikan begleiten zu dürfen. Auch deshalb sind eigenes Naikan und anschließend Erfahrung als Co-Leitung bei erfahrenen Begleitern Grundvoraussetzung für das Tätigwerden als Naikan-Begleiter.

Aufgabe des Teilnehmers ist, seine Alltags-Verant­wortung und -Struktur loszulassen, Handeln und Denken auf das Nötigste einzuschränken und den drei Fragen gemäß konkrete einzelne Erlebnisse in seiner Erinnerung zu suchen. Der Teilnehmer sollte also dafür sorgen, dass ihm für die Naikan-Woche der „Rücken freigehalten“ wird, damit er sich so weit wie möglich auf seine jeweiligen Aufgaben im Naikan einlassen kann. Die Intensität dieses Einlassens bestimmt er jeweils selbst, unter anderem auch danach, wie weit er unangenehme Erinnerungen kompensieren und aushalten kann.
Auch kurz ist gut
Nach ihrer ersten Naikanwoche denken viele Teilnehmer, Naikan sei nun vorbei. Das stimmt nicht ganz. Eigentlich geht es jetzt darum, das intensiv trainierte „Naikan-Denken“ auf den Alltag zu übertragen und dort regelmäßig einzusetzen. Ein Mittel hierfür ist Kurz-Naikan, bei dem der Übende sich in den drei Fragen in der Regel selbst gegenüber einem eingegrenzten Thema prüft. Als Themen sind Personen des realen Lebens geeignet, für Fortgeschrittene auch der eigene Körper, beispielsweise „gegenüber den Bediensteten am heutigen Tag“, „gegenüber meiner Partner/in in dieser Woche“. Oder man kann sich am Abend „gegenüber dem Tag und allen Menschen“ prüfen. Zu letzterem werden die Fragen dann verallgemeinert zu:

1. Was habe ich heute bekommen?
2. Was habe ich heute gegeben?
3. Welche Schwierigkeiten habe ich heute anderen bereitet?

Nicht sinnvoll ist, sich gegenüber grundlegend defizitär ausgerichteten abstrakten Themen zu prüfen wie „meine Sucht“ oder „meine Kriminalität“. Kurz-Naikan ist überall möglich und immer, wenn der Übende ein paar Minuten Zeit hat, sich auf die drei Fragen und seine Erinnerung einzulassen. Es kann etwa die Wartezeit vor dem Aufschluss oder in einem Verkehrsstau verkürzen oder eine allein verbrachte Mittagspause bereichern.

Neben dieser flexiblen Einsetzbarkeit ist Kurz-Naikan auch in professionelle Settings einpassbar wie rückfallpräventive oder therapeutische Gespräche. Gregg Krech (2003) etwa arbeitet damit in der Paartherapie. Der Autor vergibt Kurz-Naikan zuweilen gerne als konkreten Arbeitsauftrag zwischen den Einzelgesprächen mit fest zugeordneten Klienten. Aber auch ganz niedrigfrequent ist Naikan einsetzbar, wie ein Schulprojekt mit mehreren Klassenstufen zeigt, bei dem die Schüler wöchentlich im Unterricht Naikan praktizierten (Dittschar & Ishi 2008).

Kurz-Naikan gelingt den Teilnehmern in der Regel nach der Übung einer Naikan-Woche relativ leicht: Sie können auf ausreichend Routine und motivierende Erfahrungen bauen. Die Naikan-Effekte im kleinen zu erreichen lässt sich aber auch ohne eigene Naikan-Woche trainieren. Dazu sind allerdings einige Disziplin und Ausdauer nötig, denn im Alltag muss sich jeder Übende den inneren und äußeren Rahmen, der in der Naikan-Woche durch die Begleiter kreiert und geschützt wird, immer wieder selbst schaffen. Der Lohn für die Mühe setzt nicht sofort ein und wird, so denn da, regelmäßig wieder durch alltägliche Denk- und Bewertungsmuster behindert. Besteht die Möglichkeit, dass wie Krech (2003) vorschlägt ein Begleiter das Kurz-Naikan gezielt anleitet und die Antworten abfragt, sind häufig deutlichere Effekte möglich. Es hat letztlich schon seinen Sinn, dass Yoshimoto sich nach viel Probieren entschied, Naikan in Form einer Kompakt-Woche anzubieten.
Keine Psychotherapie aber sinnvolle Behandlungsmaßnahme
Bölter (2004) differenziert hier aus psychologischer Sicht genauer als die Kapitelüberschrift, doch als erste grobe Einordnung mit entsprechenden Auswirkungen trifft sie zu. Denn die Aufgabe des Teilnehmers ist lediglich das konzentrierte zielgerichtete Erinnern. Der Begleiter stellt sicher, dass der Prozess störungsfrei verläuft und gibt dem Teilnehmer den Anstoß, Erfahrungen aus dem Leben zu erinnern um bestimmte innere Abläufe anzuregen. Er macht weder naikan-eigene Merkmale messbar (Operationalisierung), noch vergleicht oder bewertet er anhand bestehender Kriterien etwa Intensität, Gerichtetheit, Veränderungen des Zustands oder des Prozesses bei einem Teilnehmer. Im Naikan wird auch nicht hierüber gesprochen. Naikan beabsichtigt und ermöglicht damit nicht die zielgerichtete Behandlung definierter krankheitswertiger Symptome wie eine Psychotherapie und gibt keine wirklich konkreten Lernziele vor wie eine pädagogische Maßnahme. Es beruht zwar auf der Idee, dass innere Prozesse gezielt angeregt werden und seelisch heilend wirken können, trifft aber keine genaueren Modellannahmen dieses Prozesses oder der Persönlichkeit. Es ist weder eine Entspannungsmethode noch eine Meditation sondern einfach eine angeleitete Selbsterfahrung.

Auf dem freien Seminar- und Selbsterfahrungs-Markt nehmen Menschen auf eigenes Risiko an Kursen teil und reisen selbstbestimmt an und ab wie sie möchten. Dagegen ist im Justizvollzug aufgrund der Fürsorgepflicht gegenüber den Inhaftierten sowie der Rechtfertigung eines zeitlichen, personellen oder finanziellen Zusatzaufwands verantwortungsbewusst abzuwägen, ob und für wen die Behandlungsmaßnahme Naikan angeboten werden sollte. Der erste Artikel über Naikan im Justizvollzug erschien in Deutschland 1988 (Bindzus & Ishi) und beschrieb dessen Anwendung im japanischen Vollzug, aber auch die schon damals bestehenden Naikan-Erfahrungen des niedersächsischen Gefängnisseelsorgers Finkbeiner mit einzelnen Gefangenen über längere Zeit. Seit mehreren Jahren nun finden in verschiedenen Anstalten des niedersächsischen Justizvollzugs regelmäßig Naikan-Kurse statt. Nach bisherigen Erfahrungen lässt sich sagen, dass der Einsatz sich auch im Justizvollzug zu lohnen scheint. Um dies zahlenmäßig zu untermauern werden in Niedersachsen inzwischen regelmäßig Daten erhoben, es liegen allerdings noch nicht genug Daten in ausreichender Qualität vor um validierte Aussagen bezüglich einer rückfallpräventiven Wirkung zu treffen (Ansorge, 2010 und Telefonkontakt Dezember 2011).

Vielen der bisherigen Teilnehmer hätte man aufgrund bestehender negativer Erfahrungen mit anderen Methoden und Angeboten (Therapieabbrüche) nicht zugetraut, dass sie die Naikan-Woche durchhalten- sei es wegen ehemals langjährigem Hartdrogenkonsum, schweren Traumata in der Vorgeschichte, Antisozialität, Hyperaktivität oder der Einnahme von Psychopharmaka z.B. gegen Depressionen. Natürlich erreicht auch Naikan nicht jeden Teilnehmer in der gleichen Tiefe. Und jeder entscheidet bei jeder Fragerunde erneut selbst, wie weit er sich auf das Naikan einlässt. Wie intensiv ein Mensch sich einlassen kann und möchte, ist auch nur bis zu einem gewissen Grad vorhersagbar. In der Regel beginnen aber auch solche Teilnehmer, die ursprünglich nur das „Herumliegen“ und die eventuell bessere Essens-Versorgung „mitnehmen“ wollten, während der Woche immer intensiver zur prüfen. Entscheidend für einen Lernerfolg ist hauptsächlich die innere (intrinsische) Motivation während der Maßnahme. Pauschal lässt sich daher zumindest festhalten, dass Naikan fast allen Menschen unabhängig von ihrer Vorgeschichte mit Behandlungsmaßnahmen gut zu tun und bei einigen deutliche Veränderungen zu bewirken scheint.

Die Indikation für Naikan ist damit eher unspezifisch: Im Prinzip jeder kann profitieren. Eine klare Kontraindikation liegt lediglich bei zu geringer Belastbarkeit oder deutlicher Minderbegabung vor, also bei Menschen, die aktuell oder störungsbedingt eine besonders hohe Dekompensationsneigung/ psychische Instabilität/ Suizidalität haben oder bei denen eine so hohe Störungsintensität oder Lerneinschränkung vorliegt, dass sie die Abläufe des Naikan nicht ausreichend verinnerlichen können um vom Programm zu profitieren. Im Zweifel sollte immer ein geeigneter Fachdienst konsultiert werden.

Im Justizvollzug ist das aktuelle Setting in der Anstalt dafür mitausschlaggebend, welche Inhaftierten vor Ort tatsächlich teilnehmen können: Sicherheitsstufe, Konzept, Mischung unterschiedlicher Gefangenengruppen oder bestimmter schwieriger Teilnehmer/ Sicherheitsbedürfnis der Begleiter, Ressourcen. Oft gilt es spezielle Absprachen zu treffen, etwa mit dem Gesundheitsdienst, damit zum Beispiel die tägliche medikamentöse Versorgung eines Teilnehmers auch im Naikan-Bereich gewährleistet werden kann, ohne weitere Rückfragen und ohne täglichen Gang zum Gesundheitsdienst.
Innenschau fördert Selbstachtung und
Respekt
Für den Justizvollzug ist Naikan unter dem Aspekt der Rückfallprävention interessant, besonders die übergeordneten Ziele mehr Verantwortungsübernahme und Respekt gegenüber anderen. Sie sind im Naikan untrennbar verbunden mit Selbstachtung und Dankbarkeit. Um diese Ziele zu erreichen werden im Naikan innere Prozesse beim Teilnehmer angetriggert die ermöglichen, altbekannt Erinnertes mit bewusst ausgewählten Aspekten (häufig vergessenen oder bisher unbeachteten) zu ergänzen und gemeinsam als aktuelle Gesamterfahrung und -Bewertung neu einzuordnen, bewusst wie unbewusst.

Jeder Mensch webt im Laufe seines Lebens einen „seelischen Teppich" an Projektionen und Bewertungsmustern. Dieser erlaubt ihm, sich selbst in einem Zusammenhang zu betrachten, neue Erfahrungen einzuordnen und anhand dieser Bewertungsgrundlage schneller Entscheidungen zu treffen. Naikan rollt diesen „Teppich" einfach wieder auf, indem es durch permanentes Wiederholen der drei Fragen und klar strukturiertes Variieren des Fokus auf unterschiedliche Aspekte des Erinnerns einen Prozess des Neu-Orientierens in Gang bringt und aufrecht erhält, der zentrale Anteile der gesamten Biografie durchleuchtet. Es kehrt den Prozess der Bildung, Generalisierung und Festigung (durch Bestätigung) von Projektionen, Einstellungen, Glaubenssätzen um.

In der Regel läuft beim Teilnehmer während der Naikan-Woche innerpsychisch automatisch ein Prozess des Abgleiches der Gedächtnisinhalte und Bewertungen mit aktuell wieder bewusst gewordenen Einzel-Erinnerungen ab. Dieser Abgleich ermöglicht ihm, in individuellem Umfang bisherige Muster oder Einstellungen selbst zu erkennen, hinterfragen und loszulassen, sofern er das möchte. Mit den drei Fragen werden die spezifischen Aspekte erlebter Beziehungen einfach, wertfrei und direkt erfragt. Das schließt zwar die Möglichkeiten aus, die ein Arbeiten auf der Metaebene, des "Redens über etwas", bietet, zugleich aber auch dessen typische Fallen. Was dann so "unter dem Teppich" zum Vorschein kommt ist in der Regel eine Struktur, die viel farbenfroher, strahlender und geordneter erscheint, als das kompromisslose, auf Sachlichkeit bedacht erscheinende Abarbeiten der drei Fragen erwarten ließe.

So sinnerfüllt im Zentrum qualitativ wertvoller Lebensbezüge, vielseitig, authentisch und gleichzeitig leicht wie nach Naikan haben viele Menschen ihr Leben und sich selbst noch nie oder zumindest seit langem nicht mehr wahrgenommen. Ihr Blick löst sich aus einer Opferperspektive, die vielleicht unangenehm aber leichter erträglich schien als deren häufig einzig wahrgenommene Alternative, die Täterperspektive voller Egozentrismus, Versagen, Scham und Schuld. Das ist in Kursen außerhalb des Justizvollzugs nicht anders als in Kursen mit Inhaftierten. Die Motivation, selbstverantwortlich und respektvoll seine sozialen Bezüge zu gestalten, steigt. Die Teilnehmer sind dankbarer und bereiter, in ihrem sozialen Kontext bewusst einen Platz einzunehmen- nicht einen, auf den irgendjemand anders sie „schiebt“, sondern den Platz, den sie sich durch ihr eigenes Handeln und Nicht-Handeln in ihrem sozialen Lebenskontext miterschaffen haben.

Der Neurobiologe Prof. Hüther (2010) hat untersucht, unter welchen Bedingungen Erwachsene erfolgreich lernen. Er bietet ein leicht nachvollziehbares Modell, das überraschend gut zu dem passt, was während einer typischen Naikanwoche auf Verhaltensebene beobachtbar ist. Er meint, die „eigentlich spannenden Lernprozesse finden dort statt, wo jemand…sich selbst etwas erschließt", denn „erst wenn wir von einer Sache wirklich begeistert…sind, wenn sie uns unter die Haut geht…werden neuroplastische Botenstoffe wie z.B. Dopamin ausgeschüttet. Und erst dann wachsen die Nervenenden, bilden sich neue Kontakte, womit gleichzeitig unser Potenzial steigt, mit dem wir in Zukunft an neue Aufgaben mit Mut und Begeisterung herangehen können“. Hüthers Erkenntnisse könnten mit erklären, wieso sich die Stimmung der Teilnehmer im Lauf der Woche so deutlich ändert und was der Naikan-Prozess im Gehirn bewirken kann.

Ein so plastisches und Modell zur generellen Wirkung von Naikan hat die Psychologie noch nicht zu bieten. Von psychotherapeutischen Prinzipien weicht Naikan deutlich ab und gibt auch nicht vor, diesen zu entsprechen. Interessanterweise sind aber viele Wirkfaktoren im Naikan erkennbar, die bei psychotherapeutischen Methoden unterschiedlicher Ausrichtung gezielt eingesetzt werden. So etwa Wirkmuster aus tiefenpsychologischen und aus verhaltenstherapeutischen Konzepten, aber auch Ressourcenorientierung und Förderung der Achtsamkeit. Therapeutisch tätigen Lesern werden im Text Aspekte aufgefallen sein, die mit Begriffen aus dem therapeutischen Vokabular beschreibbar sind und die sie in der Arbeit vielleicht auf andere Weise selbst nutzen.

Es scheint lohnenswert, Naikan, das auf den ersten Blick so fremd, simpel und schwer einschätzbar wirkt, in Zukunft unter dieser konkreten Fragestellung genauer zu untersuchen. Im vorliegenden Text ging es zunächst darum, Grundkenntnisse darüber zu vermitteln was Naikan ist, wie es funktioniert und welche Bedingungen einen erfolgreichen Verlauf ermöglichen. Der Autor hofft, dass dies auch der Mehrheit der Leser ohne eigene Teilnehmer- und Leitungserfahrung mit Naikan hilft, es anhand der relevanten Eckdaten in das bisweilen unübersichtlichen Angebot an Selbsterfahrungs- und Therapiemethoden einzuordnen und eine sachlich begründete Position für die Einschätzung der Relevanz von Naikan für das eigene Arbeitsfeld zu finden.

Literatur
Ansorge, N. (2010): Naikan im Vollzug: Wie ist der Stand der Dinge? Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe 04/2010, 222-225.
Dittschar, W. und Ishii, A. (2008): Naikan in der Schule: Neue Wege zur Selbstverantwortung- wie Kinder und Jugendliche lernen, Mitgefühl zu entwickeln, Bielefeld: Kamphausen.
Bindzus, D. und Ishi, A. (1988): Strafvollzug in Japan: Resozialisierung durch Behandlung, Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe 01/1988, 3-14.
Bölter, D. (2004): Drei Fragen die die Welt verändern: Die Naikan-Methode im Kontext von Spiritualität und Psychotherapie, Bielefeld: Kamphausen.
Hüther, Prof. Dr. G. (2010): Lernen im Alter. Interview in Natur und Medizin 02/2010, S. 7-9.
Krech, G. (2003). Die Kraft der Dankbarkeit: Die spirituelle Praxis des Naikan im Alltag, Berlin: Theseus.
Müller-Ebeling, Dr. C. und Steinke, G. (2004): Naikan-Praxisbuch I, Bielefeld: Kamphausen.
Müller-Ebeling, Dr. C. und Steinke, G. (2003): Naikan: Versöhnung mit sich selbst, Bielefeld: Kamphausen.
Petelkau, M. und Schmidt, J. (2005): Selbsterfahrung für Strafgefangene: Naikan im Justizvollzug. In: Wischka et al.: Sozialtherapie im Justizvollzug, Lingen: Kriminalpädagogischer Verlag.
Röttger, J. (2005): Naikan: Ein Weg zur Versöhnung mit sich selbst, DVD-Film, Bielefeld: Kamphausen.
→ weitere Informationen (Medien, Kurse) im Internet unter www.naikan.de




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