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28.09.2012 - 2. Naikan-Forum der Justiz - Tagungsbericht


Naikan — Ein stiller Weg zu weniger Gewalt
2. Naikan-Forum der Justiz im Celler Schloss (11. und 12. September)

Tagungsbericht


alle Vorträge werden im Januar 2013 in Buchform erscheinen

Im September 2012 folgten rund 80 Teilnehmer/innen aus 14 Bundesländern, Österreich und der Schweiz der Einladung des Bildungsinstituts des niedersächsischen Justizvollzuges in das Celler Schloss zum internationalen Erfahrungsaustausch über Naikan.

Das 2. Bundesweite Forum „Naikan im Justizvollzug“ wurde von der Initiatorin Frau Dr. Monica Steinhilper eröffnet. Sie sprach von der ‚einfachen Methode mit intensiver Wirkung, die man am besten selbst erlebt‘. Neben dem praktischen Austausch und neuen Erkenntnissen soll das Expertenforum aber auch Kraft geben, stützen und ermutigen Naikan weiter zu tragen.
Im niedersächsischen Justizvollzug wurde 2001 das erste Naikan-Seminar unter der Leitung von Gerald Steinke vom Naikan-Zentrum in Tarmstedt mit Inhaftierten durchgeführt. Mittlerweile ist Naikan in Niedersachsen ein reguläres Behandlungsangebot und wird auch evaluiert.
Naikan heißt auf Deutsch „Innenschau“ und fordert die Erkenntnis der Selbstverantwortung. In einer siebentätigen Schweigeklausur lassen Menschen ihr bisheriges Leben in Zeitabschnitten Revue passieren und stellen sich den drei Naikanfragen: „Was hat eine bestimmte Person für mich getan? Was habe ich für diese Person getan? Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet?“ Dieser Prozess der Innenschau ist ein produktiver, meist NOT-wendiger Perspektivenwechsel. Der Effekt ist verblüffend, denn die intensive Phase des Rückzugs lässt viele Menschen oft erstmals erkennen, dass nicht andere an ihrer persönlichen Situation „schuld“, sondern sie selbst in der Verantwortung sind. Sie erkennen die Tragweite der Eigenverantwortung, erleben sich selbst als Handelnder, nicht als Opfer und erkennen, wie sehr sie persönlich tatsächlich ihres eigenen Glückes Schmied sind.
Nicht zuletzt diese kathartische Wirkung, die Verdrängungsmechanismen überwindet, macht Naikan für den Strafvollzug so interessant.
Die Naikan-Methode ist leicht zu lernen und im Alltag zu praktizieren. Wer Naikan übt, entdeckt verschüttete Quellen der Kraft, die dem Leben und Handeln neuen Sinn und Erfüllung geben.

Drei Aspekte standen im Zentrum der zweitägigen Tagung:
- Einblicke in eine Methode und deren facettenreicher ‚neuer‘ Einsatz im Strafvollzug
- Austausch über die bisherigen praktischen Erfahrungen mit Naikan
- Vorstellung und Fortlauf der wissenschaftlichen Evaluation zum Einsatz von Naikan im Strafvollzug und bisherige Ergebnisse

Franz Ritter (Neue Welt Institut, Österreich)) resümierte, dass sie anfängliche Vision einer Verbreitung im deutschsprachigen Raum inzwischen erfüllt sei. Naikan werde jetzt mehr und mehr in andere Prozesse integriert, beispielsweise auch in Ausbildungskonzepte. Er stellte die Frage an sein Publikum: Ist Naikan eine Therapie oder eine Methode mit therapeutischen Prozessen? Und griff diese in seinem zweiten Referat erneut auf. Seine These lautete, ‚Rückzug sei in unseren Genen verankert‘. Naikan sei seiner Meinung nach ein Transformations-, kein Therapiekonzept und das bedeute, sagte er „.. im Grunde beginnt das eigentliche Naikan am Ende der Woche.“

Dr. Ulrich Kobbé (LWL-Zentrum f. Forensische Psychiatrie, Lippstadt)beleuchtete die Ethik der Achtsamkeit im Rahmen einer Naikanpraxis. Er pointierte: Naikan ist nicht nett, aber fürsorglich“. Insofern sei die gewahrte Naikanhaltung im autoritären Alltag des Vollzugs in verschiedener Hinsicht etwas Besonderes, Herausforderndes, eine ‚Zeitfalte anhaltender und angehaltener Gegenwart‘. Achtsamkeit entstamme als Konzept der Zen-Praxis, sei jedoch eine allgemeine menschliche Fähigkeit und nicht an eine bestimmte Schule oder Technik gebunden. Sie führe hin zu einer Ethik der Achtung des Täters bei Ächtung der Tat(en). Markant: der besondere (Schutz)Raum der Naikanprinzipien; sie ermöglichen u.a. das ethische Prinzip „nicht durch andere beschämt zu werden“.

Pfarrer Martin Burgdorf (JVA Wolfenbüttel, Naikanbegleiter Naikan-Zentrum in Tarmstedt) ist seit 2005 Naikanbegleiter; er unterstrich: „Stille in der aufgeweckten Hektik eines Gefängnisses — wer hätte das für möglich gehalten? Schweigen überrascht und berührt gleichermaßen, ... in der wundervollen Lautlosigkeit liegen Würde und Kraft …“.
Die Stille als Rahmenbedingung sei bedeutungsvoll; dort, wo z.B. Psychologen bislang nicht zu Tätern vordringen können, entwickeln diese in der Stille oft neue Selbsterkenntnisse (Dankbarkeit, Dienen) und wüchsen in eine verantwortungsvollere Perspektive, u.U. auch Therapiebereitschaft hinein. Es wurde deutlich, dass Naikan nicht in Konkurrenz zu den bisherigen Angeboten steht, diese aber sinnvoll und nachhaltig ergänzen kann.
Burgdorf sagt: „Naikan ist wie Fensterputzen, man sieht danach etwas klarer“ (Aussage von Gerald Steinke), aber „… das ‚Erwachen‘ selbst ist nicht machbar.“ Nach seinen seelsorgerischen Erfahrungen „… kann sich Lebensfreude einstellen, trotz allem Leid, weil es Vergebung gibt …“.

Monika Zisterer-Schick, die Leiterin der Psychotherapeutischen Ambulanz der Justiz Ludwigshafen, charakterisierte Naikan als „Therapieturbo“. Der große Vorteil dabei sei: „… Jeder, der Naikan macht, geht seinen eigenen Weg selbst und geht so weit, wie er jeweils kann“. Sie richtete ihren Blick auch auf die naikanerfahrenen Teams mit Therapeuten, Seelsorgern, Pädagogen und Mitarbeitern des Justizvollzugs, deren Aufgabe es ist, allein diese drei Fragen zu stellen.

Tobias Hebestreit (Jugendanstalt Hameln) und Sabine Steingröver (JVA Wolfenbüttel, Abt. Braunschweig) berichteten sehr eindrucksvoll aus ihrer Naikanpraxis mit unselbständigen Jugendlichen, gepaart mit pubertär-herausforderndem Verhalten. Der große Gewinn für die jugendlichen Gefangenen: „… das Gefühl, einmal etwas Forderndes bis zum Ende durchgehalten zu haben!!“

Das Team der JVA Schwalmstadt (Volker Merle, Dietmar Seeger, Markus Neumann) hat Naikanerfahrungen im Regelvollzug und in der Sicherungsverwahrung. Sie erlebten Naikan als „Öffner“ und hatten bisher keinerlei Abbrüche zu verzeichnen. Menschen, die offen sind sich in ihren zentralen Erlebnisinhalten fürsorglich begleiten zu lassen, lassen sich „neu“ bzw. Anders auf nachfolgende Alltagsroutine ein; auch dort, wo scheinbar alle bisherigen (Behandlungs-)Angebote ins Leere gehen. Sehr wichtig sei auch die Teamarbeit der Naikanbegleiter. Sie machten Mut, kreative Lösungen entgegen aller nachvollziehbaren institutionellen Rahmenbedingungen zu suchen und auszuprobieren.


In vielfältiger Weise wird Naikan von Einzelpersonen außerhalb des Justizvollzuges in verschiedenen Naikan-Seminaren praktiziert. Man findet Naikanangebote u.a. in Schulen, Coachings und in der Suchthilfe.

Gerburgis Niehaus hat seit 2005 Naikanerfahrungen, die sie gewinnbringend in ihr Berufsleben übertragen hat. In der freien Wirtschaft verkörpere der eingeengte „Cappuchinoblick“ eine Schuldphilosophie (und die im Naikan nicht gestellte 4.Frage). Mit modifizierten Naikanregeln arbeite sie erfolgreich im Business Coaching, d.h. bei Teamentwicklung, Kommunikationsverbesserung, Konfliktmanagement und Zusammenarbeitskonzepten.

Annette Musiol erläuterte neue ambulante Modul-Maßnahmen mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Die Kombination von ‚Schweigen — Malen — Befragt werden‘ auf der Basis von klaren Strukturen und Wohlwollen werde von den Jugendlichen wertgeschätzt.

Prof. Johannes Michalak (Universität Hildesheim) referierte über unterschiedliche achtsamkeitsbasierte Therapieformen als fragliche Optionen für den Strafvollzug. Ziel sei es in all diesen Verfahren den ‚Autopiloten‘ auszuschalten, in die Gegenwart zu kommen und im Naikanprozess die Vergangenheit zu ‚verJETZTen‘. Er zeigte anhand von Untersuchungsergebnissen auf, wie in achtsamkeitsbasierten Verfahren Körperbewusstheit und Grad des ‚psychischen Defekts‘ in klarer Wechselwirkung stehen.

Nicole Ansorge (Kriminologischer Dienst Niedersachsen) unterstrich ganz besonders eindrucksvoll, dass sie Lernende in diesem Metier seien. Frau Ansorge begleitet maßgeblich die herausfordernde Evaluation und hat diese inzwischen zu einer druckreifen Form zusammengefügt.
Naikan — Ein stiller Weg zu weniger Gewalt! Trägt diese Methode tatsächlich zur nachhaltigen Resozialisierung bei? Die Evaluation sei jedenfalls viel versprechend. Die anfänglichen Hoffnungen wurden in einer begleitenden wissenschaftlichen Studie zum Einsatz von Naikan im deutschen Strafvollzug bei einer Evaluation in Fakten verwandelt: signifikante Verbesserung bei den Werten Empathie und Perspektivübernahme.
Fazit aus den wissenschaftlichen Zwischenergebnissen: Der Einsatz von Naikan lohnt sich! Die Wirkung ist — meist langfristig — Grundstein legend für positive Entwicklungen.

„Danke!“ und: „NAIKAN geht weiter!“, waren die gemeinsamen Schlussworte von Dr. Monica Steinhilper und Winfried Geppert (fachlicher Naikanberater für den nds. Justizvollzug) sowie Nicole Ansorge und Rolf Koch vom Tagungsteam.
Der Dank gilt nicht zuletzt all den naikanerfahrenen Referentinnen und Referenten für ihre große Bereitschaft und für ihr Engagement und all den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung für ihr aktives Interesse, die den Blick über den eigenen Tellerrand, wertschöpfenden Austausch und Gelingen ermöglichten.
Dieses 2.Naikanforum war inspirierend, aktivierend und vernetzend.



überarbeitete Fassung (Original T. Öchsner)



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