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05.10.2003 - Naikan - was drei einfache Fragen bewirken können


Naikan-Interview im hr1 Rundfunk
5.Oktober 2003
mit Gerald Steinke

Moderator: Dr. Lothar Bauerochse
Sendung: 5.10.2003, 10.05 Uhr, HR 1 Rundfunk
.......


Moderator:
Mal ehrlich, können Sie sich vorstellen, dass Sie sich einmal gedanklich zum Beispiel mit Ihrem Tankwart oder der Verkäuferin im Bäckersladen oder Ihrem Nachbarn beschäftigen und sich drei Fragen stellen, nämlich erstens:
„Was hat dieser Mensch mir Gutes getan?“, zweitens: „Was habe ich ihm Gutes getan?“ und drittens: „Wo habe ich diesem Menschen Schwierigkeiten bereitet?“.
Im Normalfall stellen wir uns diese Fragen jedenfalls nicht, aber genau das kann man lernen bei Naikan, einer Meditationsmethode aus Japan.

Hier in Deutschland hat Gerald Steinke die Naikan-Meditation bekannt gemacht. In Tarmstedt in der Nähe von Bremen unterhält er ein Meditationshaus, in dem er einwöchige Naikan-Kurse anbietet. Ich habe kurz vor der Sendung mit Gerald Steinke gesprochen und ihn zunächst gefragt, was der Name „Naikan“ eigentlich bedeutet.

Gerald Steinke:
„Nai- bedeutet innen und -kan schauen oder auch innere Beobachtung. Man könnte auch sagen „sich selbst sehen“.

Moderator:
Sie laden ja in Ihr Haus in der Nähe von Bremen ein zu Meditationskursen. Ein Kurs dauert etwa eine Woche. Können Sie beschreiben, wie solch eine Meditation abläuft?

Gerald Steinke:
„Die Menschen, die zu uns kommen, bleiben eine Woche bei uns. Wir beginnen morgens um sechs Uhr mit dem Wecken und Aufstehen. Dann wird geprüft, was wir vorher abgesprochen haben. Es geht ja beim Naikan um drei Fragen. „Was hat eine Person für mich getan?“ „ Was habe ich für die Person getan?“ und „Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet?“
Man beginnt gegenüber der Mutter, weil die Mutter die Erste war, mit der man Kontakt hatte, vielleicht die ersten zehn Jahre und dann werden nur Fakten und Tatsachen geprüft, dass man zum Beispiel sagt: „Ja, meine Mutter hat mich morgens geweckt oder sie hat mich zur Schule gebracht, hat mir ein Fahrrad geschenkt, hat meinen Geburtstag ausgerichtet oder bei den Schularbeiten geholfen.“ Das wären typische Antworten bei der ersten Frage.

Bei der zweiten Frage würde man sich vielleicht erinnern, dass man der Mutter einen Blumenstrauß geschenkt hat, in der Schule ein Bildchen gemalt oder vielleicht mal das Frühstück gebracht hat oder im Haushalt mitgeholfen.

Bei der dritten Frage würde man sich zum Beispiel erinnern, dass man sehr häufig krank war, dass die Mutter nachts nicht schlafen konnte oder man hat die Hose oder das Kleid schmutzig gemacht, welches sie gerade mühsam gewaschen hatte und ist vielleicht morgens nicht bereit gewesen aufzustehen oder abends wollte man nicht schlafen gehen. Es geht also um Fakten und Tatsachen, die man prüft.“.

Moderator:
Also drei Fragen: Was habe ich für einen anderen Menschen getan? - Was hat ein anderer Mensch für mich getan? und - Wo habe ich Schwierigkeiten bereitet?
Warum eigentlich genau diese drei Fragen?

Gerald Steinke:
„Diese drei Fragen führen dazu, dass man sich aus einer anderen Perspektive sehen kann, so wie einen vielleicht die Eltern sehen oder der Partner, die Arbeitskollegen, und das ist wichtig, dass man sich einmal im Leben aus einer anderen Perspektive sieht. Und das führt dazu, dass man auch diese Seite von sich lernt zu akzeptieren und dadurch kann man natürlich sein Verhalten in der Zukunft ändern.“
Moderator:
Was passiert mit Menschen, die diese Meditation machen? Was verändert sich da?
Gerald Steinke:
„Sie können vielleicht mehr sich selbst annehmen. Wenn normalerweise jemand sagt, du bist so und so, dann sträuben sich vielleicht die Nackenhaare bei dem Menschen. Aber nach Naikan kann man über sich selbst vielleicht mehr lachen, sich selbst akzeptieren.“

Moderator:
Ist da auch eine Versöhnung dann intendiert, also dass man gerade schwierige Zeiten in seiner Biografie, in seinem Leben dann besser annehmen kann?
Gerald Steinke:
„Ja, das ist ein weiterer Punkt, der sich durch die Naikan-Praxis einstellt, dass man lernt, dass diese schwierigen Dinge, die man erlebt hat, ja vielleicht schon lange zurückliegen. Wenn man gerade an ältere Menschen denkt, die auch zu uns kommen, (die Älteste war achtzig, aber sehr viele sind zwischen vierzig und sechzig Jahre alt) da liegen manche Dinge schon dreißig, vierzig Jahre zurück und trotzdem belastet es sie noch heute. Durch die Naikan-Methode lernen sie, das zu akzeptieren, dass es damals so war und es tritt ein Versöhnungsprozess ein. Das ist richtig.“
Moderator:
Läuft dieser Versöhnungsprozess nur in der Person ab, die Naikan macht oder ermutigen Sie dann auch zum Beispiel, noch mal Kontakt mit der Mutter aufzunehmen und das mit ihr auch noch mal durchzusprechen, was man in so einer Meditation erlebt hat?

Gerald Steinke:
„Wenn die Eltern noch leben, ist das natürlich möglich. Häufig ist es so, gerade jetzt im Seminar, dass die Eltern schon vor einigen Jahren gestorben sind. Da geht es nicht, aber normalerweise ist es so, wenn man Naikan praktiziert hat, dann geht man schon anschließend zu den Eltern und spricht mit ihnen. Ich habe so viele Rückmeldungen, wo Teilnehmer berichten, dass sie anschließend ein sehr schönes Gespräch mit ihren Eltern hatten.“

Moderator:
Ich hab es gesagt, solch ein Naikan-Kurs ist zunächst einmal eine Woche bei Ihnen im Haus. Leiten Sie an, das dann auch später im normalen Alltag irgendwie weiterzumachen?

Gerald Steinke:
„Wenn man eine Woche Naikan praktiziert hat, kann man natürlich sich diese Fragen weiter stellen, zum Beispiel gegenüber der Bäckersfrau, dem Zeitungsboten, den Arbeitskollegen — Was haben diese Menschen für mich getan? Was habe ich für sie getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihnen bereitet? — Dadurch wird es schon etwas einfacher, auch im Umgang in unserer Gesellschaft.“

Moderator:
Würden Sie sagen, dass Naikan so eine Form auch ist, Dankbarkeit zu lernen, einzuüben?

Gerald Steinke:
„Ja, auf jeden Fall.“

Moderator:
Inwiefern?

Gerald Steinke:
„Es geschieht ganz automatisch, dass man viele Dinge im Alltag sieht, die man vorher gar nicht gesehen hat und man freut sich vielleicht, dass es regnet. Viele Menschen sagen: „Heute regnet es. Das ist kein schöner Tag.“ Aber der Bauer freut sich natürlich, dass es heute regnet und dass wir sehen, dass wir gesund sind. Wir bemerken immer erst, wenn wir krank sind, dass irgendwas nicht in Ordnung ist, aber wir merken nicht, wenn wir gesund sind, dass es vielleicht schön ist. Oder dass wir ein Haus haben, dass wir zu essen haben. Das ist schon wichtig. Wir nehmen viele Dinge als selbstverständlich. Nach Naikan haben wir mehr Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Dinge.“

Moderator:
Das war Gerald Steinke. Er bietet in Tarmstedt in der Nähe von Bremen Kurse an zur japanischen Naikan-Meditation. Ein Weg zur inneren Versöhnung und zur Einübung von Dankbarkeit.


Wenn Sie dazu nähere Informationen suchen, es gibt eine Internetseite unter der Adresse www.naikan.de und es gibt auch ein Buch mit dem Titel „Naikan — Versöhnung mit sich selbst“von Gerald Steinke und Claudia Müller-Ebeling.
Auch diese Informationen können Sie noch einmal beim hr 1-Hörertelefon erfragen unter der Nummer 069 / 155 40 11.

© 2003 - Hessischer Rundfunk.
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des Hessischen Rundfunks.







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