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10.02.2004 - Kraftquelle oder Kitschfalle


Kraftquelle oder Kitschfalle
- Dankbarkeit als Lebenshaltung -
mit unserem Autor Gerald Steinke

Autorin: Birgit Schönberger· Redaktion: Petra Mallwitz · Sendung: Dienstag, 10.2.2004, 10.05 Uhr, SWR2-Eckpunkt


Birgit Schönberger:
„Ich habe was ganz Tolles entdeckt“, sagte neulich eine Freundin zu mir: „Ich schreibe jetzt jeden Abend vor dem Einschlafen zehn Dinge auf, für die ich dankbar bin. Das wirkt Wunder. Probier es doch mal aus!“
Klar. Kein Problem für mich. Positiv und optimistisch wie ich bin. Doch die Übung geht nach hinten los. Statt mir zehn erfreuliche Ereignisse zu liefern, spuckt mein Gehirn zwanzig unerfreuliche aus und hört gar nicht mehr auf damit.

Das ist die Bilanz meines Tages: Der blöde Wecker ging mal wieder nicht. Ich war viel zu spät dran. In der Hektik habe ich mir die Zunge am heißen Kaffee verbrannt. Der Haustürschlüssel war spurlos verschwunden. Mein Bus kam zwanzig Minuten zu spät. In der Kantine gab es mal wieder nur Junk Food. Und diese Sadistin am Postschalter hat just in dem Moment, als ich endlich dran war, das Schild „vorübergehend geschlossen“ aufgestellt. In Strömen geregnet hat es auch. Worum ging es noch mal in der Übung? Ach so ja. Um Dankbarkeit. Okay. Durchatmen. Zweiter Versuch:

Ich kann denselben Tag auch anders erzählen: Meine Mutter hat mir einen selbstgebackenen Kuchen geschickt. Die Nachbarn waren so nett, das Paket entgegenzunehmen. Die Krankenkasse hat überraschend die Kosten für meinen Yogakurs übernommen. Ein Kollege hat mit mir getauscht und mich von einem dicken Terminproblem befreit. Meine Freundin kommt am Wochenende zum Babysitten.
Doch all das ist untergegangen und in der Rubrik „zu vernachlässigender Kleinkram“ gelandet. Bin ich unfähig zur Dankbarkeit? Oder unwillig? Obwohl Dankbarkeit eine wunderbare Qualität ist, gegen die ich nichts Vernünftiges einwenden kann, löst das Wort bei mir ein klebriges Gefühl aus. Ich muss sofort an den Kirchenschlager „Danke für diesen guten Morgen“ denken und an kitschige Postkarten mit Sonnenuntergängen und poetischen Versen, die mich ermuntern, auf die Kleinigkeiten im Leben zu achten.

Doch nach neusten psychologischen Studien hat Dankbarkeit nichts mit sentimentalem Kitsch zu tun. Menschen, die sich auf das Gute konzentrieren, sind entspannter, zufriedener und gesünder und weniger anfällig für Neidgefühle und Wutanfälle. Alle Weltreligionen preisen Dankbarkeit als heilsame Kraft.

Carmen Francesca Banciuz:
Das ist ein Gefühl von unendlicher Liebe, von Öffnung. Das ist so, als würde man plötzlich ganz viel Licht in den Augen haben und als würde sich einem das Herz oder irgendwas in der Brust öffnen, aber nicht schmerzhaft, sondern im Gegenteil, als wäre dort eine ganz große Sonne.
Dann ist man nicht nur dankbar gegenüber einer Person, dann betrifft diese Öffnung alle Menschen, alles. Ich weiß nicht, ob sich das pathetisch anhört, aber es ist nun mal so.

Birgit Schönberger:
Also doch ein sentimentales Gefühl, das zu Kitschpostkarten passt? Ja und? Was wäre daran schlimm? Fragt die rumänische Autorin Carmen Francesca Banciu, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt. Sie hat das Gefühl, dass die Deutschen - aus lauter Angst, ins Sentimentale abzurutschen - sich Dankbarkeit rigoros verbieten.

Carmen Francesca Banciuz:
Ich denke, dass der Skeptizismus die Menschen so verändert hat, dass sie sich nicht mehr trauen, Dinge zu empfinden oder öffentlich zu behaupten, dass sie sie empfinden. Weil es nicht in ist und weil das so leicht mit Kitsch abgestempelt wird und man sich so sehr von Kitsch distanziert. Dabei glaube ich, dass man Mut haben muss, das zu sagen, was man empfindet. Und je mehr man empfindet, desto reicher ist man. Und letztendlich ist es egal, ob jemand darüber lacht. Das ist sein Problem.

Birgit Schönberger:
So souverän war sie nicht immer. Viele Jahre hat sie sich mit aller Kraft gegen das Wort „Danke“ gewehrt. Sie fand es schrecklich.

Carmen Francesca Banciuz:
Das hat mit meiner Kindheit was zu tun, denn ich bin erzogen in einer Diktatur. In Rumänien. Und Dankbarkeit war ein ewiges Thema. Und wir mussten immer dankbar sein. Der Partei für alles, was sie uns gibt, den Eltern, was sie uns alles geben. Das wurde uns fast täglich gesagt, so dass man allergisch auf Dankbarkeit reagierte. Und als ich hierher kam, ich wurde mit sehr viel Freundlichkeit, ich könnte sogar Liebe sagen, empfangen. Ich hab sehr viel Hilfe bekommen von Bekannten und Unbekannten. Und ich war ihnen dankbar, ich konnte es aber nicht zeigen. Und mit der Zeit habe ich mich mit diesem Thema beschäftigt, und ich merke, dass ich manchmal das kann und manchmal das nicht kann. Obwohl ich es in meinem Inneren empfinde.
Zitat:
„Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit ist eine Last, die nur starke Seelen zu ertragen vermögen."

Birgit Schönberger:

Schrieb die Aphoristin Marie von Ebner-Eschenbach. „Sei doch mal dankbar.“ Das ist genauso paradox wie: „Sei doch mal spontan.“ Unwillkürlich muss ich an eine Szene denken, die vermutlich jedes Kind kennt. Meine Patentante ist zu Besuch. Mit hochrotem Kopf schleift mich meine Mutter durch den Flur und redet auf mich ein: „Sei nicht so undankbar. Du gehst jetzt sofort zu Tante Gerda und bedankst Dich für den schönen Pullover.“ Ich hasse diesen Pullover. Er ist quietschgrün, total altmodisch und kratzt. Mit Todesverachtung schaue ich Tante Gerda an und spucke ihr ein piepsiges, halb verschlucktes Danke vor die Füße.

Mit echter Dankbarkeit hat ein mit Widerwillen herausgepresstes Dankeschön nichts zu tun. Tief empfundene Dankbarkeit ist etwas anderes. Um dankbar zu sein, braucht man jedoch kein perfektes Leben mit einem Traumpartner, einem Traumjob und einem Traumhaus. Das haben die kalifornischen Psychologen und Dankbarkeitsforscher Emmons und Shelton in einer Studie herausgefunden. Dankbare Menschen erleben dieselben Enttäuschungen, Rückschläge und Krisen wie alle anderen. Sie gehen nur anders damit um.

Carmen Francesca Banciuz:
Ich bin dankbar, dass ich die Zeit in Rumänien überlebt habe und auch einigermaßen in einem Zustand, wo ich heute drauf aufbauen kann. Ich hätte krank sein können. Ich hätte verrückt sein können. Ich hätte tot sein können. Ich bin nicht die einzige, die weiß, was Diktatur bedeutet und wie schwer die Folgen sind. Manche haben auch mit dem Leben bezahlt oder mit der Freiheit in dem Sinne, dass sie in Nervenkliniken gelandet sind oder so kaputt waren nach der Revolution, dass sie mit sich selbst nichts mehr anfangen konnten. Und ich bin nach Deutschland gekommen mit einem Stipendium für ein Jahr, kurz nach der Wende. Es war nach dieser Zeit, wo man praktisch eingesperrt war, eine unglaubliche Öffnung und eine unglaubliche Möglichkeit. Und das Gefühl von Freiheit war immens. Und trotzdem bin ich kurz hier zusammengebrochen. Und ich kann sagen, ich bin noch mal dankbar, dass ich herausgekommen bin aus dieser Situation. Damals hab ich gedacht, es ist vorbei.
Und es wurde mir die Kraft gegeben, rauszukommen aus der Situation und richtig anzupacken. Und es gibt tausend Dinge, für die ich dankbar bin.

Birgit Schönberger:
Die Dankbarkeit hat zwei kleine Schwestern. Sie heißen Offenheit und Aufmerksamkeit, glaubt Carmen Francesca Banciu. Das Entscheidende für sie ist, die scheinbaren Selbstverständlichkeiten zu bemerken. Die gemütlichen Cafés, in denen sie die besten Ideen für ihre Bücher hat. Die Beamtin, die bei der Einbürgerung ein Auge zugedrückt hat. Die Frau von der Wohnungsbaugesellschaft, die ihr eine Wohnung mit einer fantastischen Aussicht vermittelt hat. In gewisser Weise ist sie sogar für ihre leidvollen Erfahrungen dankbar.
Carmen Francesca Banciuz:
Ich kann sagen, ich bin dankbar für die Zeit in Rumänien, für die Zeit der Diktatur, des Kommunismus, ich hab sehr, sehr viel gelernt. Es ist ein Kapital sozusagen, und ich möchte es nie mehr zurück haben, und ich bitte und bete, dass so was nie mehr zurückkommt. Aber ich bin dankbar, dass ich das erlebt habe, dass ich das kenne. Ich bin reicher, weil ich zwei Welten kenne.

Birgit Schönberger:
Seit zwei Monaten liegt neben meinem Bett das Buch „Die Kraft der Dankbarkeit. Die spirituelle Praxis des Naikan im Alltag“. Naikan kommt aus dem Japanischen und heißt Innenschau. Die Selbsterfahrungsmethode soll die Dankbarkeit fördern durch drei Fragen, über die man immer wieder meditiert. Dankbarkeit ist eine Frage der Übung, behauptet der amerikanische Autor Gregg Krech. Dieser Gedanke fasziniert mich. Die Skeptikerin in mir schimpft: „Vergiss es! Das ist doch nur eine neue Variante dieser blöden Positiv-Denken-Strategie. Da wirst Du doch nicht drauf reinfallen!“ Aber da ist noch eine andere Stimme, die sagt: „Versuchs doch mal mit Naikan! Immer nur skeptisch sein und überall das Haar in der Suppe suchen macht Dich auch nicht glücklich.“ Und schon sitze ich im Zug nach Bremen auf dem Weg zu einem Naikan-Kurs. Ich will die Methode für einen Tag ausprobieren im Seminarzentrum in Tarmstedt, das von Gerald Steinke geleitet wird.
Gerald Steinke:
Wir haben ja drei Fragen bei Naikan. Was habe ich bekommen? Was habe ich gegeben? Welche Schwierigkeiten habe ich anderen bereitet? Wenn man sich die drei Fragen stellt, das bewirkt schon, dass wir unser Leben bewusster erleben. Häufig nehmen wir Dinge als selbstverständlich, dass wir eine Arbeitsstelle haben, dass wir ein Haus haben, dass wir einen Partner oder eine Partnerin haben, dass wir gesund sind, das ist aber nicht so selbstverständlich, weil es gibt sehr viele Menschen, die krank sind, die arbeitslos sind. Und wenn man diese Dinge bemerkt, dann kann man auch dankbarer werden, gegenüber diesen Dingen.

Birgit Schönberger:
Fünfzehn Stunden sitze ich hinter einem Wandschirm alleine mit den drei Naikan-Fragen: Was hat meine Mutter für mich getan? Was habe ich für sie getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihr bereitet? Alle neunzig Minuten kommt der Seminarleiter zu mir und den anderen und fragt uns nach unseren Erinnerungen. Dann sagt er: „Übe fleißig weiter“ und geht. Gerald Steinke ist ein zurückhaltender Mann. Er spricht nicht gerne über Naikan. Weil er das Gefühl hat, dass die Methode jenseits von Worten wirkt. Erwin Seifried, katholischer Krankenhauspfarrer in Mannheim hingegen redet gerne über die Methode und setzt die drei Fragen manchmal spontan bei seiner Arbeit im Krankenzimmer ein. Er vergleicht Naikan mit einer Schatzsuche.

Erwin Seifried:
Wenn Sie sich jetzt vorstellen: Eine Frau hat beim Picknick im Gras ihren Ohrring verloren. Und jetzt schaut sie über die Fläche von 10 Quadratmeter und sieht ihn natürlich nicht. Dieser suchende Blick der muss anders laufen. Jetzt geht sie diesen Raum ab und findet auch nichts. Und erst wenn sie sich hinkniet und Zentimeter für Zentimeter die Grashalme umdreht und die Blättchen umdreht und guckt, dann wird sie Erfolg haben, dann wird sie auf dieser Fläche hundert Ohrringe finden, also hundert Schätze ausgraben. Und das ist das Geheimnis von Naikan. Kurz gesagt: Durch intensives Schatzgraben finde ich so viel Gutes, was mir in meinem Leben geschenkt worden ist, dass ich dann auf einmal eine ganz große Dankbarkeit in mir spüre.

Birgit Schönberger:
Ich sitze immer noch hinter meinem Wandschirm und arbeite mich an der dritten Frage ab: Wie bitte? Ich soll mich daran erinnern, welche Schwierigkeiten ich meiner Mutter bereitet habe. Was soll das denn? Es war doch umgekehrt. Sie hat mir das Leben schwer gemacht mit ihren ständigen Nörgeleien und ihren unerfüllbaren Forderungen. Oder? Plötzlich überfallen mich Bilder von Momenten, die ich längst vergessen hatte.
Ich sehe mich als Kind, wie ich die Pausenbrote, die sie mir liebevoll geschmiert hat, in die Schublade stecke und sie dort langsam vergammeln. Ich habe ihr sogar Geld aus dem Portemonnaie geklaut. Ich sehe mich mit Punk-Frisur und schwarzen, durchlöcherten Kleidern übellaunig an ihrer schön gedeckten Geburtstagstafel sitzen. Allmählich dämmert mir, warum die Frage „Welche Schwierigkeiten haben die anderen mir bereitet?“ im Naikan nicht gestellt wird. Weil ich mich mit dieser Frage sowieso schon mein halbes Leben beschäftige. Die Fragen des Naikan lenken dagegen meinen Blick auf wertvolle unbemerkte Kleinigkeiten, die so klein gar nicht sind.

Erwin Seifried:
Die Frage, was ist mit mir falsch gemacht worden? Was hat man in der Erziehung vielleicht nicht gut gemacht? Warum hat man mich nicht aufgeklärt und und und, diese Fragen sind weggetaucht und der Grundwasserspiegel meines Lebens, meiner Seele hat sich angefüllt mit einer ganzen Menge von Dingen, die ich jetzt dankbar anschauen kann und sagen kann: Mensch, ich bin ein reich beschenkter Mensch. Und damals habe ich spontan meinen beiden Eltern einen langen, langen Brief geschrieben und gedankt für all ihren Einsatz für mein Leben für all das Gute, was ich von ihnen empfangne habe. Diese Erfahrung hat mich dann auch aufmerksamer gemacht für das Gute, das ich überall auf jedem Zentimeter meines Lebens entdecken kann.

Birgit Schönberger:
Ist das jetzt nicht ein bisschen dick aufgetragen? Schaltet sich mein kritischer Verstand ein. Muss ich mich jetzt auch noch extra dafür bedanken, dass meine Mutter mir die Windeln gewechselt hat? Ist das nicht das Normalste von der Welt? Und was heißt hier reich beschenkt? Ich habe ganz schön geackert, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Mir hat keiner was geschenkt. Dankbarkeit ist was für Glückspilze. Erwin Seifried kennt diese Argumente. Aber er lässt sie nicht gelten.
Jeder Mensch — egal welche Vorgeschichte er hat — bekommt jeden Tag etwas geschenkt. Er muss es nur bemerken. Davon ist der Krankenhausseelsorger überzeugt.

Erwin Seifried:
Ein Beispiel: Ein Mann fährt täglich zur Arbeit durch wunderschöne Landschaft, Wald Wiesen und Sonnenaufgänge und alles. Das alles ist so selbstverständlich, dass er es gar nicht mehr wahrnimmt, und jetzt nimmt ihm plötzlich ein Mensch an einer Straßenkreuzung die Vorfahrt. Dieser Vorfall gräbt sich ein in sein Gedächtnis, der beherrscht dieses Feld von zur Arbeit fahren total. Das ist das einzige, was er noch in Erinnerung hat.. All das Gute, was wir täglich empfangen versandet, verdunstet, dass wir es nicht mehr wahrnehmen, und durch Naikan heben wir diese Schätze des Guten wieder ans Licht und könne auf einmal wieder auf einer ganz anderen Grundlage leben. Das ist das eine. Und das andere ist: Dadurch dass ich nicht die Frage stelle: Was haben andere mir Böses zugefügt? Komme ich aus der Opferrolle heraus. Wir bin nicht mehr der bloß Geschädigte und Vernachlässigte und falsch Behandelte. Sondern ich merke auf einmal: Halt einmal, das andere war ja viel, viel mehr. Nur ist es versunken und ich hebe es wieder empor und lebe deswegen auf einem ganz anderen Level, und das gibt ein Grundbewusstsein der Dankbarkeit und das Gefühl: Ich bin ein reich beschenkter Mensch.

Birgit Schönberger:
Dass es nicht darauf ankommt, was wir erleben, sondern welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen, predigen auch Motivationstrainer und Erfolgsgurus. Wir erschaffen die Realität mit unseren Gedanken. Wer sich auf das Gute konzentriert, der zieht es zwangsläufig an. Lautet ihre frohe Botschaft. Was also ist der Unterschied zwischen Naikan und Positivem Denken?

Helgard Reddemann:
Positives Denken ist wirklich was, was im Kopf stattfindet, Dankbarkeit ist etwas, was im Herzen stattfindet. Ich weiß dass das so platt klingt, aber ich bin sicher, dass es ein Unterschied im Erleben ist. Ich spüre selbst diesen Unterschied in mir.Positives Denken ist wirklich was, was im Kopf stattfindet, Dankbarkeit ist etwas, was im Herzen stattfindet. Ich weiß dass das so platt klingt, aber ich bin sicher, dass es ein Unterschied im Erleben ist. Ich spüre selbst diesen Unterschied in mir.

Birgit Schönberger:
Die Berliner Ärztin und Psychotherapeutin Helgard Reddemann hat das Gefühl, dass durch Naikan ein Schalter in ihr umgelegt wurde. Es ist, als würde sie jetzt alles mit neuen Augen betrachten. Sie ist immer noch verwundert darüber, wie die Welt aussieht, seit sie durch Naikan die Perspektive radikal gewechselt hat.

Helgard Reddemann:
Ich denke, ich habe bis zur Naikan-Erfahrung aus meiner Familiengeschichte immer mit dem Gefühl gelebt, dass ich zu wenig bekommen habe. Ich bin mit einer sehr kranken Mutter groß geworden. Da stand dieses immer sehr im Vordergrund. Ich habe im Naikan sehen können oder erleben können, wie viel ich trotzdem bekommen habe. Und selbst diese Tatsache, dass ich belastet war durch die Krankheit meiner Mutter, hat letzten Endes dazu geführt, dass ich Sachen entwickeln konnte, die mich dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin. Viele Schritte, die in meinem Leben gewesen sind, sind eigentlich aus ner Kraft entstanden, die ich vielleicht auch aus dieser Situation bekommen habe. So lange habe ich das als Opfer erlebt mit diesem Gefühl: Ich Arme, was hab ich für ne schwere Last zu tragen. Das ist nach dieser ersten Naikan-Woche wirklich wie spurlos verschwunden. Und anstelle ist dieses Staunen darüber getreten, was ich eigentlich alles bekommen habe und was mir dadurch erst möglich geworden ist. Ich kann für mich sagen, dass es eine unendliche Entlastung und Befreiung ist seitdem, es ist wirklich so, als ob ein Sack vom Rücken genommen ist.

Birgit Schönberger:
Doch Naikan ist nicht nur ein Weg zum privaten Glück. In Japan wird die Methode seit Jahren erfolgreich in Gefängnissen, Suchtkliniken und Rehabilitationszentren für Jugendliche praktiziert. Gerald Steinke hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Selbsterfahrungs-Technik in Deutschland bekannt zu machen. Er hat ein Buch mit dem schlichten Titel „Naikan“ herausgegeben und ist mit Einführungsseminaren und Vorträgen in vielen Klöstern, Seminarhäusern, psychosomatischen Kliniken und Haftanstalten zu Gast. Seit 2001 läuft in Niedersachsen ein Modellversuch „Naikan im Gefängnis.“

Gerald Steinke:
Es gab einmal ein Gefängnis, in dem wir ein Naikan-Seminar durchgeführt haben. Und einige Wochen später haben wir einen Erfahrungsaustausch gemacht. Und ein Strafgefangener, sagte als er gefragt wurde: Was hat sich jetzt geändert? Dass er sagte, er hat das Gefühl dass er akzeptiert wird von dem Beamten, der auch Naikan gemacht hat. Darauf hin antwortete der Beamte, ja, auch er hat das Gefühl, als Mensch von dem Strafgefangenen akzeptiert zu werden.

Birgit Schönberger:
„Dankbarkeit ist ein soziales Schmiermittel“ schreibt Ursula Nuber in „Psychologie heute“. Wer dankbar ist, schaut auch auf die Bedürfnisse der anderen, ist hilfsbereiter und hat mehr Lust, sich sozial zu engagieren. Wer Gutes empfängt und das auch würdigt, hat den Wunsch, sich zu revanchieren. So entsteht ein positiver Schneeballeffekt. Dankbarkeit verbessert den menschlichen Umgang und fördert offensichtlich auch die Gesundheit.

Gerald Steinke:
Wenn jemand ständig Bauchschmerzen hat, dann geht er zum Arzt und lässt sich vielleicht Medikamente verschreiben. Es kann eine Krankheit sein, natürlich, aber sehr häufig ist es vielleicht die Magensäure, und die wird vielleicht dadurch ausgelöst, dass man sehr ärgerlich ist, dass man unter Stress leidet.
Nach Naikan habe ich sehr viele Rückmeldungen bekommen, dass sie ruhiger geworden sind, die Menschen in ihrem Alltag, dass sie viele Dinge nicht so wichtig bewerten, und das reduziert natürlich die Magensäure. Oder wenn jemand an Schlaflosigkeit leidet, dann hat er viele Sorgen im Leben, nachdem er Naikan praktiziert hat, gehen die Sorgen zurück, und dann kann er besser schlafen. Dadurch kann er im Alltag besser bestehen. Ich bin kein Arzt, aber ich denke schon, dass es auch den Krankenkassen helfen würde, wenn jemand Naikan praktiziert, was wirklich kostengünstig ist.

Birgit Schönberger:
Wer dankbar ist, lebt gesünder. Aber kann man auch dankbar sein, wenn man schwer krank ist? Ist das nicht zu viel verlangt, Schmerzen zu haben und trotzdem das Gute zu sehen? Anja Forbriger hat schon immer auf das halb volle Glas geschaut, nicht auf das halb leere. Aber erst durch ihre Krebserkrankung hat sie tiefe Dankbarkeit als Kraftquelle entdeckt. Vor acht Jahren wuchs ihr eine Beule am Hals. Sie war damals 29 und schrieb gerade ihre Diplomarbeit zuende. Am Tag nach der Diplomfeier bekam sie das Ergebnis der Gewebeprobe: Lymphdrüsenkrebs. Im Fachjargon Morbus Hodgekin genannt. „Nicht heilbar“ las sie in einem medizinischen Lexikon. Nächtelang suchte sie im Internet nach Informationen und Selbsthilfegruppen. „Don` t panic“ schrieb ihr ein Mann aus Salt Lake City. „Ich hatte Morbus Hodgekin und bin seit zehn Jahren kerngesund.“ Diese Nachricht veränderte etwas in ihr. Sie fing an, sich auf das zu konzentrieren, was ihr Kraft gab. Die Sonne im Zimmer, das Zwitschern der Vögel, die Blumen, die sie geschenkt bekam, die aufmunternden Briefe.

Anja Forbriger:
Es hat lange gebraucht, bis ich diese Dankbarkeit überhaupt gespürt hatte, ich war eigentlich vor allem die ganze Zeit erst mal wütend auf dieses ganze Krankenhaussystem, und es hat bestimmt nach der Diagnose, nach der Therapie so fünf Monate gedauert, bis ich gemerkt habe, Mensch, ich kann ja eigentlich auch mal dankbar sein, dass wir so ein Heilungssystem erfunden haben, zum Beispiel, das irgendjemand, der Mensch, nachdem meine Krankheit benannt wurde, Hodgekin. Dieser Thomas Hodgekin, dieser Engländer, sich darum gekümmert hat. Und ich hatte so eine ganz konkrete Dankbarkeit diesen Ärzten gegenüber.

Birgit Schönberger:
Trotz Chemotherapie geht es Anja Forbriger heute so gut, dass sie Bäume ausreißen könnte. Der Krebs ist nicht wieder gekommen. Sie gilt als geheilt. Um ihre Genesung hat sie gekämpft wie eine Löwin. Nächtelang hat sie komplizierte Fachartikel übersetzt und im Internet nach alternativen Therapieformen gesucht. Sie hat angefangen zu meditieren und Shiatsu gelernt, um ihren Körper besser zu verstehen. Doch sie weiß auch, dass die Heilung ein Geschenk ist. Vor ihrer Erkrankung fand sie es selbstverständlich, dass ihr Körper funktionierte. Das ist schließlich sein Job, dachte sie. Heute sieht sie das ganz anders.

Anja Forbriger:
Ich bin dankbar, dass ich nach wie vor gesund bin und inzwischen so gesund bin, dass diese Krankheit kein richtungsgebendes Moment mehr ist sondern dass sie einfach so da ist wie andere Dinge im Leben auch. Also, ich hab sie gehabt, sie hat mich ganz lange begleitet, aber sie bestimmt mich nicht mehr, und inzwischen arbeite ich selber nicht nur mit Krebspatienten, sondern mit Menschen, die auf der Suche nach ihrem Leben sind, im Shiatsu, und ich bin ganz dankbar, zur erleben, was für einen Frieden ich darin gefunden habe. Es hört sich alles ein bisschen esoterisch an für meinen Geschmack, aber ich bin unendlich dankbar, dass ich diesen Weg gegangen bin und so mit meinem Körper und mir ins Reine gekommen bin. Das ist so schön, das würde ich am liebsten bemalen.

Birgit Schönberger:
Heute hält Anja Forbriger Vorträge auf Kongressen, gibt Workshops für Ärzte und Patienten und arbeitet als Shiatsu-Therapeutin. Danke ist eins der wichtigsten Wörter für sie — nicht ein flüchtig und konventionell hingesagtes Danke, sondern ein Danke von ganzem Herzen.

Anja Forbriger:
Der Dank — finde ich — ist ganz oft eine Frucht, die man erntet im Tun, und man muss sie aber auch bemerken. Und ich finde auch, man kann es genießen. Ich genieße Dankbarkeit viel mehr als früher, das ist vielleicht auch ein Aspekt. Und ich persönlich habe mich trainiert, auch vielen Leuten zu danken. Das fand ich sehr schwierig am Anfang, da musste ich mich richtig überwinden, weil in meiner Ursprungsfamilie war das nicht so wichtig. Am Anfang war es ein bisschen zwanghaft, aber inzwischen geht es mir ganz leicht und auch vom Herzen über die Lippen.
Ich finde Dankbarkeit hat auch was mit Offenheit zu tun und mit Wahrnehmung und mit Entspannung vielleicht auch. Und es gibt sicherlich Situationen, wo man zunächst nicht dankbar sein kann, zum Beispiel wenn was ganz Schreckliches passiert, eine große Krise im Leben, dann wird kein Mensch sagen, meine Mutter ist gestorben oder unser Haus ist abgebrannt. Dankeschön. Aber wenn man diese Krise bewältigt hat, gibt es Aspekte, wo man sagen kann: Alles hat immer auch Aspekte im positiven Sinn, und insofern ist es immer ein kleines Minidanke in der Krise drin. Das weiß man natürlich nicht, wenn man drinsteckt.

Birgit Schönberger:
Das Buch „Die Kraft der Dankbarkeit“ liegt immer noch neben meinem Bett. Die Skeptikerin hat sich schmollend zurück gezogen. Abends vor dem Einschlafen beherzige ich den Rat von Gerald Steinke und registriere erstaunt, wie meine Muskeln sich entspannen, der Stress des Tages von mir abfällt und das Gedankenkarussell zur Ruhe kommt.

Gerald Steinke:
Das empfehle ich schon, dass man sich zu Hause hinsetzt, vielleicht dreißig Minuten und sich die Fragen stellt: Was hat heute mein Mann oder meine Frau für mich getan? Was habe ich für ihn getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihm oder ihr bereitet? Oder was haben die Kinder für mich heute getan? Was habe ich für sie getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihnen bereitet? Oder der Nachbar. Es gibt so viele Begegnungen an einem Tag. Und das macht einen harmonischen Ausklang.


© 2004 - Süd West Deutscher Rundfunk.

Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.





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