Startseite  
Startseite
 
   
 
 
10.07.2004 - Hannoversche Allgemeine



Hannoversche Allgemeine; Deister-Anzeiger vom 10.Juli 2004
Hameln / Junge Gefangene sollen sich mit "Naikan“ Gedanken über ihre Schuld machen

Sieben Tage lang herrscht Schweigen

Stille herrscht in dem halbdunklen Raum. Hinter den Trennwänden, die mit hellem Stoff bespannt sind, lassen sich manchmal schemenhafte Schatten erkennen. Von Zeit zu Zeit seufzt jemand oder Papier raschelt. Aber sonst ist es unheimlich still. In einem einwöchigen Schweigeseminar nach der Naikan-Methode (siehe Stichwort) sollen acht von insgesamt 668 Strafgefangenen der Jugendanstalt Hameln über drei Fragen RTEmagicC_hann-alg-10_07_04_farbe_schlag_04_jpg.jpgmeditieren und so mehr über ihre Vergangenheit herausfinden.

Beim Rundgang durch die Räume bemühen sich die Besucher um einen leisen Schritt, um die Teilnehmer des Schweigeseminars nicht zu stören. "Schauen Sie niemanden an, blicken Sie auf den Boden, wenn uns jemand entgegenkommt,“ hat sie der Naikan-Lehrer angewiesen.
Aber alle Naikan-Teilnehmer bleiben in ihrem zeltartigen, abgeteilten Bereich. Stumm weist der Naikan-Lehrer auf eine Tür. "Besprechungsraum“ lautet die Aufschrift eines Schildes. Drinnen stehen drei Stühle, die Wände sind kahl, die Regale leer, es gibt nichts, was die Schweigenden ablenken könnte. Alle 75 Minuten kommen die Jugendlichen nacheinander in diesen Raum und stehen dem Lehrer Rede und Antwort über ihre Vergangenheit. Die Teilnehmer liegen auf einfachen Matratzen zwischen den Trennwänden. Es gibt keine Fernsehapparate und Radios, keine Bücher und Zeitschriften. Im Raucherraum wechseln sie sich ab, und auch wenn sie sich auf dem Weg dorthin treffen, sprechen sie nicht miteinander. Gegessen wird ebenfalls getrennt und schweigend. Zwischen 21 und 6 Uhr werden die Seminarteilnehmer zum Schlafen in Einzelzellen eingeschlossen.

Beim Verlassen der Naikan-Räume umgibt die Besucher sofort wieder der alltägliche Gefängnislärm. Er scheint plötzlich überlaut zu sein. Die Musik und die Rufe der Gefängnisinsassen wirken beinahe brutal. Naikan-Lehrer Gerald Steinke, der das Seminar veranstaltet, sagt mit einem Lächeln: "Die Jugendlichen sind an diesen Lärmpegel gewöhnt. Deshalb dauert es erstmal drei Tage, bis sie sich auch innerlich auf das Schweigen eingestellt haben.“ Steinke ist ganz in schwarz gekleidet und spricht mit leiser Stimme. "Im Strafvollzug hat bisher noch niemand die Naikan-Woche abgebrochen. Die meisten empfinden sie als Wohltat.“ Zwei Tage später ist das Seminar vorbei, Teilnehmer, Lehrer und Gefängnisleitung treffen sich zum Nachgespräch. Die Jugendlichen können ihre Worte kaum zurückhalten, sie sind erleichtert, endlich wieder sprechen zu dürfen. "Es war manchmal ganz schön anstrengend, das Schweigen durchzuhalten,“ meint der 21-jährige Tobias.

"Aber ich habe sehr viel über meine Vergangenheit gelernt. Bisher habe ich mich innerhalb meiner Familie vor allem als Opfer gesehen. Aber durch Naikan habe ich erkannt, dass ich es bin, der sich schuldig gemacht hat.“ Er berichtet begeistert von seinen Erfahrungen. Die anderen Naikan-Erprobten teilen diese Begeisterung.

"Die 75 Minuten zwischen zwei Besprechungen kamen mir vor wie fünf Minuten. Die Zeit verging so schnell³, erzählt der 19-jährige Andy. Die Teilnehmer sprechen darüber, dass die Schwierigkeiten, die sie anderen bereitet haben, ihnen plötzlich bewusst werden. Manche holen ihre Tagebücher hervor, in denen sie während der sieben Tage ihre Erinnerungen notiert haben. Daniel (19) hat sogar ein Gedicht geschrieben. "Ich habe jetzt eine andere Einstellung zu dem, was ich getan habe und erkenne die Gründe für meine Strafe.“ Cornelia Schneider- Pungs
---------------------------------------------------------------------------------

Justizministerium fördert Seminare

Monica Steinhilper, Leiterin der Abteilung Strafvollzug im niedersächsischen Justizministerium, hat vor eineinhalb Jahren selbst eine Woche Naikan praktiziert. "Ich habe damals viele Veränderungen an mir selbst bemerkt. Das hat mich sofort beeindruckt.“
Als promovierte Psychologin ist sie mit verschiedenen Methoden der Selbsterfahrung vertraut. Fasziniert hat sie an Naikan aber besonders, dass längst vergessen geglaubte Erinnerungen plötzlich ganz lebendig wurden. Dadurch habe sie zum Beispiel ihre Kindheit wiederentdeckt, und der Kontakt zur Familie sei neu belebt worden. "Das ist der positive Effekt von Naikan, den ich mir auch im Justizvollzug erhoffe, denn viele Insassen haben vor allem familiäre Probleme.“
In der Justizvollzugsanstalt Lingen, in der Untersuchungshaftanstalt Braunschweig, in der Jugendanstalt Göttingen und in der Jugendanstalt Hameln sind die Seminare erfolgreich verlaufen. In der Uelzener Anstalt ist Naikan schon als Bestandteil der Sozialtherapie etabliert. "Ich wünsche mir langfristig ein eigenes Naikan-Zentrum für den Strafvollzug.³ Auch Mitarbeiter des Justizministeriums nehmen inzwischen an Seminaren teil. Sp
Stichwort: Naikan
Naikan ist ein japanisches Wort und bedeutet "Innere Beobachtung“. Vor etwa 50 Jahren entwickelte der Japaner Ishin Yoshimoto diese Methode zur Selbstbetrachtung. Das Naikan-Seminar dauert normalerweise sieben Tage. In dieser Zeit dürfen die Teilnehmer nicht sprechen und erfahren keinerlei Ablenkung durch Medien oder Musik. Während der gesamten Zeit meditieren die Teilnehmer über die folgenden drei Fragen: Was hat eine Person für mich getan? Was habe ich für diese Person getan? Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet? Dabei kann der Naikan-Schüler nacheinander Personen aus seinem engsten Umfeld wählen und über gemeinsam Erlebtes nachdenken. Meist wählen die Schüler zuerst Vater und Mutter. In einem Rhythmus von 75 Minuten berichtet jeder Teilnehmer einzeln dem Naikan-Leiter, was er zu den drei Fragen herausgefunden hat. Der Leiter hört den Erinnerungen zu und reagiert ohne Wertung auf die Erzählungen des Naikan-Schülers. In Deutschland gibt es nur ein Naikan-Zentrum in Tarmstedt bei Bremen. Geleitet wird es von Gerald Steinke. Informationen gibt es im Internet unter www.naikan.de oder unter Tel.: (0 42 83) 20 04. sp












zurück  Druckversion



 

Startseite | Neuigkeiten | Was ist Naikan? | Zentrum | Texte | Presse | Rundfunk | Das Team | Termine | Links | Kontakt | Impressum


Naikan-Zentrum gemeinnützige Gesellschaft mbH, Bremer Landstr. 34, 27412 Tarmstedt, Tel.: 04283- 20 04