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15.04.2004 - Göttinger Tagesblatt


                                   Naikan im Strafvollzug 

Naikan wird zurzeit in mehreren Justizvollzugsanstalten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen erprobt. 25 niedersächsische Beamte haben zunächst selbst die Methode in Steinkes Naikan-Zentrum bei Bremen ausprobiert, jetzt wurden Kurse für Häftlinge in den Anstalten angeboten — in Göttingen zum ersten Mal im Jugendvollzug. Die Resonanz war überall positiv.
Die nächste Phase solle nun mit einer wissenschaftlichen Untersuchung begleitet werden, erklärte Monica Steinhilper, Abteilungsleiterin im Justizministerium. „Ich weiß einfach, dass es das Richtige ist“, so Steinhilper, die selbst eine Naikan-Woche absolviert hat. Es sei jedoch schwer zu vermitteln: „Auf den ersten Blick wirkt die Methode auf Dritte oft seltsam.“ In Japan jedoch habe man in Gefängnissen mit Naikan große Erfolge erzielt. Nun müsse man sehen, ob das Konzept auch in Deutschland funktioniere. ka, Göttinger Tagesblatt,


            Sieben Tage schweigen für die Selbsterkenntnis

    Japanische Meditation soll Strafgefangenen der Jugendanstalt Leineberg helfen 

Eine Wolldecke, ein Kissen und ein Hocker: Das ist alles. Mehr gibt es nicht in der winzigen Kabine, die mit weißen Stellwänden vom Raum abgegrenzt ist. Zehn Jugendliche aus der Jugendanstalt Leineberg haben eine Woche lang täglich 14 Stunden in so einer Kabine zugebracht — freiwillig.
Göttingen. „Im Naikan nehmen wir uns Zeit und Raum für Erinnerung“, erklärt Kursleiter Gerald Steinke. Sieben Tage verbringen die Teilnehmer in stiller Meditation. Kein Fernseher, keine Bücher, keine Musik — nichts soll ablenken, auch keine Gespräche mit anderen Kursteilnehmern.

Für eine Woche sind die Teilnehmer völlig mit sich allein, um ihr Verhältnis zu den wichtigsten Personen in ihrem Leben zu erforschen: Mutter, Vater, Geschwister, Freunde. Dabei versuchen sie, drei Fragen zu beantworten: Was hat diese Person für mich getan? Was habe ich für diese Person getan? Und welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet?

Eigenes Verhalten betrachten
„Die vierte Frage — was hat diese Person mir angetan? — wird bewusst nicht gestellt“, sagt Steinke. Es gehe darum, die Perspektive der anderen einzunehmen und sich sozusagen von außen zu betrachten. „Wir wollen eigene Verhaltensmuster erkennen und uns mit ihnen auseinandersetzen“, erklärte er den zehn jugendlichen Straftätern im Alter von 16 bis 23 Jahren.


  Fotos folgen
Betreuen den Kurs: Michael Seifert, Melanie Hacker und Gerald Steinke (v. links).

Alle 75 Minuten gibt es ein kurzes Gespräch mit dem Kursleiter. Dabei geht es nicht
Rechtfertigungen oder psychologische Analyse. „Es gibt kein ,wenn’, ,weil’ oder ,aber’ im Naikan“, so Steinke. Es gehe nicht um Schuld, sondern darum, Verantwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen.
Naikan — „Innenschau“ — heißt das, was sie dort geübt haben. In einem Pilotprojekt soll die japanische Methode der Selbsterkenntnis im Strafvollzug getestet werden. In Japan werden Naikan-Kurse bereits seit längerem in Justizvollzugsanstalten angeboten — mit großem Erfolg.

Entwickelt wurde die Meditationstechnik in den 50er Jahren von Ishin Yoshimoto. Den Kurs in Göttingen leitete Gerald Steinke, der sich seit 18 Jahren mit Naikan beschäftigt und bei Bremen ein Naikan-Zentrum aufgebaut hat.
Die Jugendlichen sollten in dem Kurs die Möglichkeit bekommen sich selbst zu erfahren. Das soll ihnen Selbstsicherheit geben und sie dazu bringen ihr Verhalten zu ändern, hofft Melanie Hacker, die im Erziehungsdienst tätig ist. Zusammen mit ihrem Kollegen Michael Seifert wird sie zur Naikan-Kursleiterin ausgebildet. Sie selbst hat positive Erfahrungen gemacht: „Ich sehe seit der Naikan-Woche vieles gelassener.“ Die Methode eigne sich gut für den Jugendvollzug, weil sie im Grunde sehr einfach sei. „Man braucht keine großartigen intellektuellen Fähigkeiten.“

Anstaltsleiter Helmut Schütze war eher skeptisch: „Es wird vieles aufgebrochen, was die Jugendlichen verdrängt hatten. Einige kommen aus schwierigen Elternhäusern und wurden misshandelt.“ Ob dadurch Aggressionen aufträten und wie damit umzugehen sei, müsse man sehen. „Auf keinen Fall darf man sie damit allein lassen.“ Zudem müsse man sehen, wie die Erfahrungen aus dem Naikankurs im alltäglichen Leben umgesetzt würden.

Am Ende der Woche haben alle Teilnehmer durchgehalten — und waren begeistert von der Erfahrung, die sie gemacht haben. „Man denkt über sein ganzes Leben nach“, erzählte einer der Teilnehmer. Dabei merke man, dass einem nicht nur Schlechtes widerfahren sei. „Man hat sich nur als Opfer gesehen, aber jetzt sehe ich auch, was die Familie mir Gutes getan hat.“
„Man kann sein Verhalten nicht nur auf sein Umfeld schieben“, hat ein anderer erkannt. „Man steht sich selbst gegenüber und sieht, was man nicht tun sollte.“ Sicherlich kämen auch Bilder, die man nicht sehen wollte. Tränen seien bei ihm geflossen, gibt einer der jungen Männer zu. Aber er habe in dieser Woche auch gelernt, die schlechten Sachen in einem anderen Licht zu sehen und sich mit der Familie zu versöhnen.
Die jungen Männer, während der Einführungsrunde noch hibbelig und unruhig, strahlen nach einer Woche Ruhe aus. Man merkt ihnen an, dass sie eine einschneidende Erfahrung hinter sich haben, auch wenn sie kaum Worte dafür finden.
Auch Anstaltsleiter Schütze erkennt seine Schützlinge kaum wieder. „Ich kenne diese Jungen nur als Menschen, die dazu neigen, sich ständig abzulenken.“ Dass alle durchgehalten haben, erstaunt und freut ihn. „So haben sie gesehen, dass sie etwas durchhalten können, wenn sie nur wollen.“

Kathrin Schneider, Göttinger Tagesblatt, 15.04.2004




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