Startseite  
Startseite
 
   
 
 
05.11.2010 - Der Gong durchbricht die Stille Bericht in "Weser-Kurier/Wümmezeitung"

Der Gong durchbricht die Stille

Im Naikan-Zentrum gewinnen Menschen neue Perspektiven auf ihr Leben

Bericht von Sandra Binkenstein

Foto

Naikan-Leiter Stefan Buff und die Geschäftsführerin des Naikan-Zentrums Tarmstedt, Dorle Steinke, haben längst erkannt, dass ihnen viel Gutes im Leben widerfahren ist. Im einzigen Naikan-Zentrum Deutschlands geben sie ihre Erfahrungen weiter.

-----------------

Sich selbst mit den Augen der Mitmenschen sehen, Stationen des Lebens neu bewerten und das in nur sieben Tagen: Mit Naikan, einer japanischen Methode, in sich selbst hinein zu schauen, kann das gelingen. Im Naikan-Zentrum Tarmstedt, dem einzigen seiner Art in Deutschland, sehen Menschen ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel.

Naikan ist japanisch und bedeutet so viel wie "Innenschau". Das erste Naikan-Zentrum in Deutschland und das einzige, das sich nur mit dieser Methode der Selbstreflexion befasst, steht in Tarmstedt, versteckt an der Bremer Landstr. 34. Gerald Steinke, der 25 Jahre Naikankurse leitete, hat das Zentrum vor fünfzehn Jahren gebaut und dafür gesorgt, dass sich Naikan in Deutschland verbreitet.

Der Pionier des Naikan in Deutschland ist vor vier Monaten an Krebs gestorben. "Naikan war sein Leben", weiß Dorle Steinke. Sie will das Lebenswerk ihres Mannes weiter führen - auch ihr ist von Herzen daran gelegen, dass Menschen ihre starren Muster aufbrechen und ihr Leben neu bewerten. Dorle Steinke möchte, dass die Menschen dankbar für das sind, was ihnen Positives im Leben widerfahren ist.

Und so funktioniert die Naikan-Methode: Es gibt drei Fragen, die sich auf Personen beziehen, die in einer bestimmten Zeit eine Rolle in unserem Leben gespielt haben. Dazu gehöt in der Regel die gesamte Familie, sowie der oder die Lebenspartner. Die erste Frage lautet: "Was habe ich bekommen?" Die zweite fragt: "Was habe ich gegeben?" und die dritte Frage heißt: "Welche Schwierigkeiten habe ich bereitet?" Allein dadurch, dass man diese Fragen intensiv reflektiere, könne man eine neue Sichtweise auf die Beziehungen zu anderen Menschen gewinnen, so Dorle Steinke. Und dafür gibt es eine nachvollziehbare Erklärung: Man spart sich die vierte Frage, nämlich die, was andere Menschen einem selbst für Schwierigkeiten gemacht haben.

"Die meisten Menschen sehen nicht, wie viel sie von anderen bekommen", meint Stefan Buff, hauptberuflich Arzt und ehrenamtlicher Naikan-Leiter. "Schuld sind immer die anderen. Man ist blind dafür, was man anderen Menschen für Schwierigkeiten macht. Immer ist man selbst im Recht."

Der Mensch lebe in der Regel in der vierten Frage: Man bemerke sofort, wenn ein anderer einem die Vorfahrt nimmt oder etwas nicht tut, was man von ihm erwartet. Der Mensch frage sich im Alltag und in der Interpretation seines gesamten Lebens nur allzu oft, wann ihm Schwierigkeiten bereitet wurden. Die anderen drei Fragen aber werden häufig ausgeblendet.

Schweigende Selbstreflexion

Alle zwei Wochen treffen sich Seminarteilnehmer aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in Tarmstedt. Bei einem Naikan-Seminar hüllen sie sich eine ganze Woche lang in Schweigen, unterbrochen nur von Gongschlägen. Von morgens bis abends sitzen sie allein hinter einem Wandschirm und stellen sich die drei Fragen, jeweils bezogen auf bestimmte Lebensabschnitte. Durch intensives und ungestörtes Reflektieren, so Buff, vertiefen sich die Teilnehmer in den eigenen Erinnerungen. Sie sollen die Vergangenheit reflektieren, sich dabei aber auf konkrete Sachverhalte und nicht auf allgemeine Handlungen konzentrieren. Zu Beginn beschäftigen sich die Teilnehmer mit den ersten Lebensjahren, in denen ein Mensch, meist die Mutter, ganz für einen da war und viel für einen getan hat.

Naikan eignet sich für alle Menschen, die sich mit ihrer Vergangenheit aussöhnen und ihre Lebensinterpretationen korrigieren möchten. Grundsätzlich eignet sich Naikan auch für alle, die sich ungerecht behandelt fühlen, die anderen Menschen oder auch der Gesellschaft die Schuld für die eigene Lebenssituation geben. "Jeder möchte gut dastehen, wir sind lieber Opfer als Täter", weiß Dorle Steinke. Naikan befreie die Menschen aus ihrer Opferrolle.

Naikan wird in Deutschland auch experimentell auch in Gefängnissen und Suchteinrichtungen praktiziert. In Japan ist das schon lange der Fall, dort belegen Studien den langfristigen Erfolg. Es lassen sich durch Naikan zwischenmenschliche Beziehungen ebenso verbessern, wie die Beziehung zu sich selbst. "Man lernt, nicht immer alles auf andere zu schieben", so Buff.

Während eines Seminars kommt der Naikan-Leiter alle neunzig Minuten, um dem Teilnehmer aufmerksam zuzuhören. Der Leiter wertet nicht, er kommentiert nicht, er fragt nur, gegenüber wem sich der Teilnehmer geprüft hat, er nickt anerkennend und verbeugt sich. Der Schlüssel des Naikan sind die drei Fragen und die absolute Abgeschiedenheit - schweigend hinter einer Faltwand zu sitzen und sich eine ganze Woche mit nichts anderem zu beschäftigen als mit den drei Fragen und den eigenen Erinnerungen. Dorle Steinke sorgt für eine vegetarische Verköstigung, der Leiter bringt die Mahlzeiten zu den Teilnehmern.

Die Einsichten, die durch Naikan kommen, können vielfältig sein, ist Buff überzeugt. Man werde sich seiner eigenen Verantwortung für die eigene Lebensinterpretation bewusst, man könne erkennen, dass man vom Leben viel reicher beschenkt wurde, als man es zuvor angenommen hatte. Eines der tiefsten Gefühle, die man durch Naikan bestärken könne, sei die Dankbarkeit für alles, was andere Menschen für einen getan haben. Ihr Mann habe immer gesagt, Naikan sei wie Fensterputzen, sagt Dorle Steinke. Hinterher sieht man eben klarer. 

 

 



zurück  Druckversion

 

Startseite | Neuigkeiten | Was ist Naikan? | Zentrum | Texte | Presse | Rundfunk | Das Team | Termine | Links | Kontakt | Impressum


Naikan-Zentrum gemeinnützige Gesellschaft mbH, Bremer Landstr. 34, 27412 Tarmstedt, Tel.: 04283- 20 04